Escrivá: Unsicherheit prägt Globalisierung und Institutionen
BDE Speech Read in English

Escrivá: Unsicherheit prägt Globalisierung und Institutionen

BDE-Gouverneur José Luis Escrivá analysiert die zunehmende globale Unsicherheit und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft, Institutionen und Technologie. Er betont die Notwendigkeit robusterer Institutionen in einer fragmentierten Welt.

Globalisierung im Wandel: Fragmentierung statt Integration

Jahrzehntelang prägte die Annahme eines vorhersehbaren Umfelds die Erwartung linearen Wachstums und Stabilität.

Diese Prämisse ist heute kaum noch haltbar, da eine Abfolge von Schocks – von der Großen Rezession über die Pandemie bis zu Inflationsschüben durch Konflikte – die globale Landschaft grundlegend verändert hat.

Es geht nicht nur um eine höhere Frequenz von Störungen, sondern um eine neue Qualität der Unsicherheit, die durch komplexe Interaktionen und fehlende Präzedenzfälle gekennzeichnet ist.

Die Globalisierung verschwindet nicht, sie reorganisiert sich jedoch um geopolitische Affinitäten, Resilienz-Kriterien und die Suche nach verlässlichen Partnern.

Für die Europäische Union bedeutet dies, ihre hohe Offenheit mit einer verstärkten Fähigkeit zur Identifizierung von Schwachstellen, Diversifizierung von Abhängigkeiten und Stärkung strategischer Kapazitäten zu ergänzen.

Dies erfordert eine Vertiefung von Abkommen mit vertrauenswürdigen Partnern und ein anspruchsvolleres Gleichgewicht zwischen Offenheit und Widerstandsfähigkeit.

Institutionen unter Druck: Demokratie und Vertrauen schwinden

Zur wirtschaftlichen Dimension gesellt sich eine komplexere institutionelle und politische Ebene.

Weltweit sind Rückschritte bei demokratischen Standards, zunehmende Polarisierung und eine stärkere Infragestellung von Institutionen zu beobachten.

Diese politische Entwicklung hat konkrete wirtschaftliche Implikationen, da sie die Funktionsweise von Institutionen und deren Reaktionsfähigkeit auf Schocks beeinflusst.

Gleichzeitig nehmen soziale Spannungen in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu, etwa durch Ungleichheit, Schwierigkeiten beim Zugang zu wesentlichen Gütern wie Wohnraum, demografische Alterung und eine erhöhte Exposition gegenüber Klimaschocks.

Diese Bereiche haben nicht nur Verteilungsfolgen, sondern können auch das Wachstum beeinträchtigen und die makroökonomische und finanzielle Stabilität gefährden.

Die Qualität der Institutionen, die sich in den letzten Jahrzehnten verschlechtert hat, ist dabei ein entscheidender Faktor für die Fähigkeit der Volkswirtschaften, effektiv auf die häufigeren und komplexeren Störungen zu reagieren.

Technologie: Chance und Risiko zugleich

Die Technologie ist nicht nur Effizienzmotor, sondern auch eine Kraft, die Transformationen verstärkt und neue Abhängigkeiten schafft, etwa in Halbleitern oder KI.

Dies stellt Zentralbanken vor die Herausforderung, komplexere Interaktionen zu analysieren und ihre Diagnosen verständlicher zu kommunizieren.

Letztlich hängt der positive Effekt der Technologie stark von einem robusten regulatorischen Rahmen und starken Institutionen ab.