Zentralbank-Liquidität: Wirkung durch Existenz, nicht Nutzung
Paradox: Je mehr Stress auf den Märkten, desto weniger greifen Banken zur Zentralbank-Liquidität. Eine neue BIZ-Studie erklärt, warum schon die bloße Verfügbarkeit von Notenbank-Geld die Kreditmärkte stabilisiert.
Das Paradox der Liquiditätshilfe
Eine neue Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stellt die gängige Annahme infrage, dass Zentralbank-Liquidität primär ein Substitut für private Liquidität ist.
Die Autoren zeigen: Banken, die stärker Stress in privaten Großhandelsfinanzierungsmärkten ausgesetzt sind, nutzen paradoxerweise weniger Zentralbank-Geld.
Dies wird durch einen 'Gleichgewichtskanal' erklärt: Die bloße Verfügbarkeit von Notenbank-Liquidität senkt die Kosten privater Großhandelsfinanzierung.
Dies stimuliert die Kreditvergabe von Banken, die auf Großhandelsfinanzierung angewiesen sind, unabhängig davon, ob sie die Zentralbank-Liquidität tatsächlich in Anspruch nehmen.
Die Studie belegt, dass dieser Gleichgewichtseffekt der dominante Kanal ist, über den Zentralbank-Liquidität die Kreditvergabe stimuliert.
Für große Banken, die den britischen Hypothekenmarkt dominieren, ist dieser Effekt signifikant größer als der direkte Partizipationseffekt.
Die Forscher identifizieren die Existenz, die Treiber und die Konsequenzen dieses Gleichgewichtseffekts, indem sie die überraschende Ankündigung eines Liquiditätsprogramms der Bank of England analysieren.
Ihre Ergebnisse legen nahe, dass Banken durch diesen Mechanismus die Vorteile der Zentralbankfinanzierung nutzen können, ohne deren Kosten direkt tragen zu müssen.
Der Effekt wirkt primär über eine Reduktion des wahrgenommenen Refinanzierungsrisikos der Banken.
FLS-Programm als Testlabor
Die Studie nutzt das 'Funding for Lending Scheme' (FLS) der Bank of England aus dem Jahr 2012 als natürliches Experiment.
Das FLS wurde inmitten der Eskalation der Eurokrise und steigender Großhandelsfinanzierungskosten für britische Banken eingeführt.
Es bot vierjährige Darlehen der BoE an, deren Konditionen an die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen geknüpft waren – ein Design, das später von den EZB-TLTROs übernommen wurde.
Die FLS-Ankündigung fiel nicht mit anderen geldpolitischen Maßnahmen zusammen, was eine klare Identifikation der Effekte ermöglichte.
Eine höhere Abhängigkeit einer Bank von Großhandelsfinanzierung war mit einer geringeren FLS-Inanspruchnahme verbunden.
'Die Wirkung entsteht durch Existenz, nicht durch Nutzung,' fassen die Autoren zusammen.
Eine Bank mit durchschnittlicher Großhandelsfinanzierungsabhängigkeit (32%) konnte die Hypothekenzinsspannen nach der FLS-Ankündigung um etwa 68 Basispunkte senken.
Dies kompensierte fast vollständig den Anstieg der Spannen um 70 Basispunkte in den neun Monaten zuvor.
Die spätere Erweiterung und Änderung des FLS ermöglichte es zudem, die Bedeutung der Konditionalität und die Rolle verschiedener Transmissionskanäle in Stress- und Normalzeiten zu untersuchen.
Ein Paradigmenwechsel für Notenbanken
Diese Studie liefert eine fundamentale Neubewertung der Zentralbank-Liquiditätshilfe: Ihre Wirkung entfaltet sich primär durch die bloße Existenz als Sicherheitsnetz, nicht durch die tatsächliche Nutzung.
Das impliziert, dass Notenbanken den Erfolg ihrer Programme nicht an der Inanspruchnahme messen sollten, sondern an der Stabilisierung der privaten Finanzierungsmärkte.
Für die künftige Gestaltung von Liquiditätsfazilitäten bedeutet dies einen Paradigmenwechsel, der moralische Risiken minimieren und die Effizienz maximieren könnte.
Die Autoren betonen zudem, dass der Gleichgewichtseffekt Banken erlaubt, nicht-monetäre Kosten der direkten Liquiditätsnutzung zu vermeiden, wie etwa Stigmatisierung oder politische Einflussnahme.
Die 'Strings attached' – also die Konditionen der Zentralbank-Liquidität – sind dabei ein entscheidender Faktor, der die Attraktivität der direkten Nutzung beeinflusst und die Fähigkeit der Banken zur profitabelsten Allokation einschränken kann.