Bailey fordert Überdenken der Zentralbank-Unabhängigkeit
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, fordert ein Überdenken der Zentralbank-Unabhängigkeit. Er sieht das Konzept insbesondere im Bereich der Finanzstabilität als unvollständig und herausgefordert an.
Historische Wurzeln, moderne Herausforderungen
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, hinterfragt die moderne Zentralbank-Unabhängigkeit (ZBU), die aus der Hochinflationsära der 1970er Jahre entstand.
Er verweist auf Henry Thornton (1802), der Unabhängigkeit als Interessensübereinstimmung zwischen Regierung und Zentralbank sah, verankert im Geldwert.
Heute ist die ZBU formal in Gesetzen verankert und auf die Stabilität des Geldwertes durch Geldpolitik ausgerichtet.
Moderne Zentralbanken verfolgen jedoch de facto zwei Ziele: monetäre und finanzielle Stabilität.
Das Kernargument für ZBU in der Geldpolitik ist das Zeitkonsistenzproblem: Regierungen könnten versucht sein, kurzfristig Inflation zu erzeugen, was langfristig zu höherer Inflation ohne realen Nutzen führt.
Die Delegation der Geldpolitik an eine unabhängige Zentralbank soll dies verhindern und Inflationserwartungen verankern.
Für Finanzstabilität ist die Delegation jedoch ein weniger robuster Vertrag.
Komplexität der Finanzstabilität
Finanzstabilität ist komplexer als Geldpolitik: Sie hat kein einzelnes numerisches Ziel und definiert sich durch die Abwesenheit von Instabilität.
Ihre direkten Auswirkungen auf reales Wachstum und Beschäftigung führen zu klaren Verteilungseffekten und starker Interaktion mit anderen Politikbereichen, was intensives Lobbying nach sich zieht.
Bailey unterscheidet zwischen makro- und mikroprudenzieller Stabilität; die direkte Regulierung einzelner Firmen stellt die Unabhängigkeit am stärksten auf die Probe.
Finanzstabilitätspolitik setzt oft Regeln, was enge Abstimmung mit Regierungen erfordert.
Die ZBU für Finanzstabilität unterscheidet sich somit grundlegend von der für Geldpolitik.
CBI-Dogma auf dem Prüfstand
Baileys Rede stellt das Dogma der Zentralbank-Unabhängigkeit, insbesondere im Bereich der Finanzstabilität, fundamental in Frage.
Dies ist relevant, da es auf eine inhärente Spannung in den Mandaten moderner Zentralbanken hinweist, die zu pro-zyklischem Verhalten oder Interessenkonflikten führen kann.
Seine Analyse legt nahe, dass ein einheitlicher Ansatz für ZBU den vielschichtigen Anforderungen der heutigen Zentralbankpolitik nicht gerecht wird.