Lagarde warnt vor Energiekrise: Geduld bei Zinspolitik nötig
EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor den weitreichenden Folgen der Energiekrise. Sie fordert Geduld bei der Zinspolitik und gezielte fiskalische Maßnahmen.
Die unerbittliche Kette der Schocks
Lagarde beschreibt eine Ära der Unsicherheit, geprägt von einer Kette globaler Schocks: Pandemie, Krieg in Europa, die schlimmste Energiekrise seit 50 Jahren, weitreichende Zollerhöhungen und der aktuelle Konflikt im Persischen Golf, der die Straße von Hormus blockiert.
Jeder dieser Schocks habe Gewissheiten wie eine sichere Energieversorgung oder stabile Handelsbeziehungen erschüttert.
Das wirtschaftliche Bild bleibe zutiefst ungewiss, da die Dauer und Tiefe der Konfliktfolgen schwer abzuschätzen seien.
Im März veröffentlichte die EZB eine Basisprojektion sowie ein adverses und ein schweres Szenario, die alle höhere Inflation und geringeres Wachstum vorsahen.
Der Nettoverlust an Öl wird auf rund 13 Millionen Barrel pro Tag geschätzt, was etwa 13 Prozent des weltweiten Verbrauchs entspricht.
Die Aussichten bleiben fragil, und schlimmere Entwicklungen sind weiterhin möglich, insbesondere wenn die Störung länger anhält und sich auf kritische Inputs wie Helium, Düngemittel oder Methanol auswirkt.
Zwei Unwägbarkeiten für die Geldpolitik
Die Festlegung der Geldpolitik in diesem Umfeld sei eine Herausforderung.
Zwei Faktoren blieben ungewiss und seien entscheidend für die richtige Politikreaktion: die Dauer der Störung und der Übertrag von Energiepreisen auf die breitere Inflation.
Je länger der Konflikt andauere, desto schlechter werde die Aussicht.
Im Gegensatz zu 2022, als die Persistenz des Schocks früh klar war, sei die Bandbreite möglicher Ergebnisse heute viel größer.
Der Übertrag hänge vom wirtschaftlichen Umfeld ab.
Während 2022 starke Nachfrage und Lieferkettenengpässe einen breiten Übertrag begünstigten, dämpften schwächere Ökonomien in den Jahren 2008 und 2011 den Effekt.
Aktuell ziehen zwei Kräfte in entgegengesetzte Richtungen: Haushalte sind preissensibler, aber höhere Energiepreise und schwächere Konsumentenstimmung belasten die Nachfrage.
Diese doppelte Unsicherheit erfordere das Sammeln weiterer Informationen, bevor feste geldpolitische Schlussfolgerungen gezogen werden.
Fiskalpolitik: Gezielt statt gießkannenartig
Regierungen stehen unter starkem Druck, Haushalte vor den Folgen steigender Energiepreise zu schützen.
Doch die Erfahrung von 2022 zeigt, dass sowohl preisbasierte als auch einkommensbasierte Maßnahmen schwierige Kompromisse mit sich bringen.
Angesichts schrumpfender fiskalischer Spielräume ist Selektivität nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, um die Schwächsten zu schützen, ohne Inflation oder Staatsfinanzen zu destabilisieren.