Nagel warnt vor Angriffen auf Zentralbank-Unabhängigkeit
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel betont die Bedeutung der Zentralbank-Unabhängigkeit für Preisstabilität. Er warnt vor aktuellen Angriffen und präsentiert neue Bundesbank-Forschung zu den Folgen für die Fed.
Warum Unabhängigkeit die Inflation zähmt
Die theoretische Begründung für Zentralbank-Unabhängigkeit entstand aus der Erkenntnis der 1970er Jahre, dass Zentralbanken zu anfällig für politischen Druck waren.
Kydland und Prescott identifizierten 1977 das Problem der Zeitinkonsistenz: Optimal erscheinende Pläne werden gebrochen, sobald private Akteure ihr Verhalten angepasst haben, was zu sub-optimalen Ergebnissen führt.
Barro und Gordon übertrugen dies 1983 auf die Geldpolitik und beschrieben den klassischen Inflationsbias: Der Versuch, die Produktion durch Überraschungsinflation zu steigern, führt ohne dauerhafte Produktionsgewinne nur zu höherer Trendinflation.
Rogoff schlug 1985 die Delegation an einen inflationsaverse 'konservativen' Zentralbanker vor.
Empirische Studien der frühen 1990er Jahre, wie die von Alesina und Summers für OECD-Länder, zeigten einen klaren Zusammenhang zwischen höherer Zentralbank-Unabhängigkeit und niedrigerer, stabilerer Inflation, ohne Kosten für das Wirtschaftswachstum.
Cukierman et al. bestätigten dies für fortgeschrittene Volkswirtschaften, betonten jedoch die Notwendigkeit einer tatsächlichen, nicht nur legalen, Unabhängigkeit.
Gesellschaftlicher Rückhalt als dritter Pfeiler
Die neuere Literatur hat die Beziehung zwischen Zentralbank-Unabhängigkeit und Inflation mit fortgeschritteneren Methoden untersucht, um Endogenitätsprobleme zu adressieren.
Adam Posen kritisierte in den 1990ern, dass Unabhängigkeit nicht zufällig sei, sondern eine gesellschaftliche Präferenz für niedrige Inflation widerspiegele.
Unabhängigkeit sei demnach eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Preisstabilität, wie Otmar Issing 1993 formulierte.
Die Forschung bestätigt jedoch weiterhin, dass Zentralbank-Unabhängigkeit zu niedrigerer Inflation beiträgt, auch wenn der Effekt nuancierter ist und länderübergreifend variiert.
Nagel identifiziert drei entscheidende Bedingungen für Preisstabilität durch Unabhängigkeit: erstens rechtliche Schutzmechanismen, zweitens Führungspersönlichkeiten, die sich aktiv dem Druck widersetzen, und drittens breite gesellschaftliche Unterstützung für Preisstabilität, auch durch nachhaltige Fiskalpolitik.
Unabhängigkeit unter Beschuss
Die neue Bundesbank-Studie zeigt eindringlich, wie politische Angriffe auf die Fed das Vertrauen in US-Institutionen untergraben.
Märkte reagieren nicht mit Inflationserwartungen, sondern mit Kapitalflucht und erhöhter Unsicherheit.
Dies ist ein klares Signal, dass die Erosion der Zentralbank-Unabhängigkeit weitreichendere und gefährlichere Folgen hat als nur geldpolitische.