Nagel: Europa muss sich an neue geopolitische Realität anpassen
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel skizziert Europas wirtschaftliche Prioritäten in einer sich wandelnden geopolitischen Realität. Er betont die Notwendigkeit, sich an neue globale Herausforderungen anzupassen und die transatlantische Zusammenarbeit zu stärken.
Starke Bande, wackliger Boden
Die Vereinigten Staaten sind der größte Exportmarkt für Deutschland und die Europäische Union, auf die fast 20 Prozent der deutschen Exporte in Nicht-EU-Länder entfallen.
Umgekehrt ist die EU der größte Handelspartner der USA.
Zusammen verantworten die EU und die USA 30 Prozent des globalen Handels und 44 Prozent des weltweiten BIP.
Der gegenseitige Direktinvestitionsbestand belief sich 2023 auf 5,4 Billionen Euro.
Nagel hob hervor, dass die USA führender Anbieter digitaler Technologien für die EU sind, was die Partnerschaft für die Weltwirtschaft unerlässlich macht.
Doch das Fundament der transatlantischen Partnerschaft erscheine wacklig.
Die US-Regierung zweifle an ihrem Engagement für den Multilateralismus, was die EU dazu zwinge, ihre Wirtschaftspolitik neu zu überdenken und sich anzupassen.
Nagel betonte, dass Europa nicht mehr im gleichen Maße auf die transatlantische Zusammenarbeit und die regelbasierte internationale Ordnung vertrauen könne wie zuvor.
Drei Säulen für Europas Widerstandsfähigkeit
Nagel skizzierte drei Schlüsselprioritäten für Europa.
Dazu gehört die Vereinfachung von Regeln und Vorschriften, um Investitionen zu fördern.
Er verwies auf die Arbeit der EZB-Task Force zur Finanzregulierung.
Zweitens sind erhöhte Investitionen in Energie- und digitale Infrastruktur, insbesondere in erneuerbare Energien und KI, notwendig.
Eine vertiefte Kapitalmarktunion soll hier private Finanzierungen mobilisieren.
Drittens soll die internationale Rolle des Euro gestärkt werden, unter anderem durch die Einführung des digitalen Euro und die Erforschung eines Wholesale CBDC.
Diese Maßnahmen seien entscheidend, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen.
Europas Weg zur Selbstbehauptung
Nagels Rede ist ein klares Plädoyer für ein proaktives Europa, das seine Stärken in einer multipolaren Welt selbstbewusst einsetzt.
Die skizzierten Prioritäten sind ambitioniert, aber angesichts der geostrategischen Verschiebungen und des Drucks auf die transatlantischen Beziehungen unerlässlich.
Ob die Umsetzung der Vorschläge jedoch schnell genug erfolgen kann, um Europas Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu sichern, bleibt die entscheidende Frage.