Nagel warnt vor voreiligen Zinssenkungen
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Nagel warnt vor voreiligen Zinssenkungen

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel mahnt zur Geduld bei der Zinspolitik. Die Inflation sei noch nicht besiegt, die letzte Meile die schwierigste.

Die letzte Meile der Inflation

Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, betonte in seiner Rede vor dem Lions Club Frankfurt-Am Leonhardsbrunn die anhaltenden Herausforderungen durch die Inflation.

Er verwies auf die jüngsten geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, die erneut zu einem Anstieg der Öl- und Gaspreise geführt haben.

Dies habe die Inflation im Euroraum im März auf 2,6 Prozent und im April auf geschätzte 3,0 Prozent getrieben – den höchsten Wert seit September 2023.

Nagel hob hervor, dass die Geldpolitik zwar keine abrupten Energiepreisanstiege verhindern könne, aber entscheidend sei, um die mittelfristige Inflationsentwicklung zu steuern.

Er warnte vor einem Übergreifen der Energiepreise auf Konsumpreise und Lohnverhandlungen.

Die EZB habe die Leitzinsen zuletzt stabil gehalten, um eine klarere Sicht auf die Entwicklungen zu gewinnen.

Nagel erwartet, dass die EZB bei ihrer Juni-Sitzung, wenn neue Projektionen vorliegen, eine Zinserhöhung in Betracht ziehen könnte, sollte sich der Inflationsausblick nicht deutlich verbessern.

Das Ziel bleibe eine Stabilisierung der Inflationsrate bei 2 Prozent mittelfristig.

Europas Antwort auf Geoeconomic Fragmentation

Über die akute Geldpolitik hinaus beleuchtete Nagel strukturelle Herausforderungen wie die geoeconomische Fragmentierung, die der Internationale Währungsfonds als politikgetriebene Umkehr der wirtschaftlichen Integration definiert.

Europa sei als stark in globale Handels- und Wertschöpfungsketten integrierte Wirtschaft besonders betroffen, was zu schwächerem Wachstum und sinkender Wettbewerbsfähigkeit führe.

Nagel forderte eine deutliche Vereinfachung der Vorschriften im europäischen Binnenmarkt, um die Wirtschaft wieder zu beleben.

Er begrüßte Initiativen der Europäischen Kommission zur Reduzierung des Verwaltungsaufwands und zur Erleichterung von Unternehmensgründungen.

Auch im Bereich der Finanzmarktregulierung gebe es Spielraum für Effizienzsteigerungen, ohne die Finanzstabilität zu gefährden.

Die EZB habe hierzu eine hochrangige Arbeitsgruppe ins Leben gerufen.

Zudem sei es dringend notwendig, Europas Abhängigkeit von importierter Energie, aber auch in Bereichen wie Verteidigung und KI, zu verringern.

Hierfür sei die Beschleunigung der Spar- und Investitionsunion entscheidend, um private Finanzierungen für innovative Unternehmen zu mobilisieren.

Digitale Souveränität ist kein Luxus

Die Abhängigkeit Europas von nicht-europäischen Zahlungssystemen ist ein unterschätztes Risiko.

Zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum laufen über US-Anbieter – eine kritische Schwachstelle, die im Ernstfall weitreichende Folgen haben könnte.

Der digitale Euro ist daher nicht nur ein technisches Projekt, sondern eine strategische Notwendigkeit für die digitale Souveränität Europas.