Theurer: 1,5-Grad-Ziel verfehlt, Anpassung zentral
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Theurer: 1,5-Grad-Ziel verfehlt, Anpassung zentral

Bundesbank-Vorstand Michael Theurer warnt: Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens ist laut aktuellen Modellen kaum noch erreichbar. Der Finanzsektor muss sich auf physische Klimarisiken und die Kosten der Anpassung einstellen.

Realismus statt Resignation

Michael Theurer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, betonte auf einer Forschungskonferenz in Paris, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens nach den meisten aktuellen Klimamodellen und Szenarioanalysen als praktisch unerreichbar gilt.

Laut IPCC-Methodologie und aktuellen Daten sei das verbleibende Kohlenstoffbudget bei heutigem Emissionsniveau in drei Jahren aufgebraucht.

Dies sei jedoch kein Grund zur Resignation, sondern ein Aufruf zu Realismus und Handeln.

Realismus bedeute, sich auf häufigere und schwerere physische Klimaauswirkungen einzustellen und gleichzeitig die Notwendigkeit der Dekarbonisierung anzuerkennen.

Für Banken und Aufsichtsbehörden bedeute dies, den Fokus von reinen Übergangsrisiken auf die materiellen physischen Risiken und die erforderlichen Anpassungsmaßnahmen zu erweitern.

Theurer unterstrich, dass das Engagement der Zentralbanken in diesem Bereich fest im Mandat der Preis- und Finanzstabilität verankert sei.

Anpassungskosten und Bankenrisiken

Da das 1,5-Grad-Ziel kaum noch zu erreichen ist, rücken die Kosten der Anpassung an den Klimawandel in den Vordergrund.

Diese Anpassung hat erhebliche Auswirkungen auf den Finanzsektor.

Unternehmen setzen bereits konkrete Maßnahmen um, doch selbst bei anerkannter Risikolage bleiben oft Restrisiken auf den Bankbilanzen.

Versicherungen bieten kurzfristige Entlastung, könnten aber durch steigende Prämien oder eingeschränkten Schutz trügerisch sein.

Makroökonomisch betrachtet haben extreme Wetterereignisse das BIP von Ländern mit niedrigem Einkommen zwischen 2000 und 2019 bereits um durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr reduziert.

Die EZB stellt fest, dass die Anpassungsfinanzierung im Vergleich zur Minderung stark unterfinanziert ist, wobei nur etwa 4 Prozent der globalen Klimafinanzierung in die Anpassung fließen und davon 98 Prozent aus öffentlichen Quellen stammen.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass 88 Prozent der 50 größten Geschäftsbanken Anpassungsrisiken nicht ausreichend adressieren.

Dies hat direkte Auswirkungen auf Preis- und Finanzstabilität.

Mehr als nur Klima: Naturkapital im Fokus

Die Rede Theurers ist ein Weckruf für den Finanzsektor, der sich nicht länger nur auf Übergangsrisiken konzentrieren darf.

Die Erkenntnis, dass das 1,5-Grad-Ziel verfehlt wird, erfordert ein radikales Umdenken in Risikomanagement und Investitionsstrategien.

Besonders die Integration von Biodiversitätsrisiken in die Finanzplanung stellt eine noch weitgehend ungelöste Herausforderung dar, die über traditionelle Klimamodelle hinausgeht.