Sleijpen: Geopolitik und Handel treiben Inflationsrisiken
Olaf Sleijpen (DNB) warnt vor einem „Chimären-ähnlichen“ Wirtschaftsumfeld, in dem Geopolitik, Handelsunsicherheit und Energiepreise die Inflation antreiben. Für die Geldpolitik sei entscheidend, hartnäckige von temporären Inflationskräften zu unterscheiden.
Die Chimäre der Inflation
Olaf Sleijpen, Exekutivdirektor der De Nederlandsche Bank (DNB), beschreibt das aktuelle Wirtschaftsumfeld als eine „Chimäre“ – eine Kombination aus Geopolitik, Handelsunsicherheit und Energiepreisen, deren Wechselwirkungen schwer zu entwirren sind.
Für die Geldpolitik sei die zentrale Frage, wie viel davon eine hartnäckige Inflationskraft darstellt und wie viel temporär ist.
Die EZB-Projektionen vom Juni 2026 spiegeln diese Unsicherheit wider: Das Wachstum wurde kurzfristig nach unten korrigiert, bleibt aber widerstandsfähig, belastet durch höhere Energiepreise und schwächere Realeinkommen.
Die Kerninflation wurde leicht nach oben revidiert, was die anhaltende Stärke bei Dienstleistungen und die Weitergabe früherer Kosten widerspiegelt.
Die Risiken für die Inflation bleiben aufwärtsgerichtet.
Eine Zinserhöhung sei selbst im milderen Szenario gerechtfertigt, so die geldpolitische Entscheidung der EZB von letzter Woche.
Handel und Energie als doppelte Unsicherheit
Zölle und Handelsunsicherheit erzeugen widersprüchliche Inflationsdrücke im Euroraum.
Die Einführung von Zöllen im Jahr 2025 führte zu beispielloser Unsicherheit und einer Neukonfiguration globaler Wertschöpfungsketten.
Während schwächere externe Nachfrage und Euro-Aufwertung die Industrieproduktion dämpften, können Zölle über Lieferketten auch Inputkosten erhöhen.
Die Geldpolitik muss hier vorsichtig agieren und Anzeichen für Persistenz identifizieren.
Energiepreise, getrieben von geopolitischen Spannungen, sind eine weitere Schlüsselquelle der Unsicherheit.
Die aktuelle Situation unterscheidet sich von 2022: Inflation im Zielbereich, gedämpfte Nachfrage, begrenzte fiskalische Expansion.
Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde
Die Inflationserwartungen bleiben zwar weitgehend verankert, doch hat die Streuung zugenommen, insbesondere bei den Haushalten.
Dies erhöht das Risiko, dass Schocks sich breiter ausbreiten und temporäre Preisbewegungen zu anhaltender Inflation werden könnten.
Die Geldpolitik muss daher über unmittelbare Effekte hinausblicken, Anzeichen für Persistenz identifizieren und sicherstellen, dass die Inflation am mittelfristigen Ziel stabilisiert wird.