Olli Rehn: Geopolitik stellt Zentralbanken und Europas Wirtschaft auf die Probe
Olli Rehn, Gouverneur der Bank von Finnland, analysiert die Auswirkungen geopolitischer Turbulenzen auf die europäische Wirtschaft. Er betont die Notwendigkeit einer datenabhängigen und langfristigen Geldpolitik der EZB.
Kühler Kopf in unsicheren Zeiten
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten und die damit verbundene Energiekrise stellen die Eurozone vor akute Herausforderungen.
Ölpreise sind um über 50 Prozent gestiegen, Gaspreise haben sich verdoppelt, was einen negativen Terms-of-Trade-Schock für Europa darstellt.
Die Risiken für das Wachstum sind abwärts, für die Inflation aufwärts gerichtet.
Die EZB verfolgt eine mittelfristige Strategie mit einem symmetrischen Zwei-Prozent-Ziel.
Es kommt nicht auf den sofortigen Inflationsanstieg an, sondern auf die Persistenz des Schocks und mögliche Zweitrundeneffekte.
Die Fiskalpolitik sollte temporär, zielgerichtet und maßgeschneidert sein.
Angesichts der unsicheren Lage legt die EZB großen Wert auf eingehende Daten und Szenarioanalysen.
Positiv ist, dass die Inflation im Februar bei 1,9 Prozent lag und die Eurozone trotz geopolitischer Spannungen Widerstandsfähigkeit gezeigt hat.
Kein Schock gleicht dem anderen
Rehn beleuchtet vier Inflationsperioden der Euro-Ära: von der Stabilität 1999-2009 über Deflationsrisiken bis 2021, den Anstieg auf über 10 Prozent nach 2021 und die Stabilisierung ab 2024.
Die Treiber der Inflation haben sich dabei gewandelt.
Forschung der Bank von Finnland zeigt, dass geopolitische Schocks komplex sind und nicht nur Ölpreise erhöhen, sondern auch Unsicherheit, Finanzierungsbedingungen und Handel beeinflussen.
Ein Ölpreisanstieg führt nicht zwangsläufig zum gleichen Inflationsergebnis; die makroökonomische Lage, Nachfrage, Angebot und Zweitrundeneffekte sind entscheidend.
Die Geldpolitik muss auf das gesamte makroökonomische Umfeld reagieren, nicht nur auf Ölpreise allein.
Dreifach-Test für Europas Zukunft
Europa muss einen strategischen Dreifach-Test bestehen, der Sicherheit, Energie/Klima und Wachstum/Investitionen umfasst.
Die Stärkung der Verteidigung und die grüne Transformation sind dabei ebenso entscheidend wie massive Investitionen in Kapitalmärkte und Humankapital.
Nur so können die aktuellen Herausforderungen in Chancen für Europas langfristigen Wohlstand verwandelt werden.