Lane: Klimawandel hat erhebliche Folgen für Geldpolitik
Der Klimawandel und die grüne Transformation beeinflussen Output, Inflation, Vermögenspreise und Finanzstabilität. EZB-Direktor Philip R. Lane erläutert, wie die EZB diese Implikationen in ihrer Geldpolitik berücksichtigt.
Wärmere Welt, höhere Kosten
Die Jahre 2023, 2024 und 2025 waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen, was die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen erhöht.
Diese verursachen erhebliche wirtschaftliche Schäden: Eine Analyse deutet darauf hin, dass das globale BIP pro Kopf heute über 20 Prozent höher wäre, hätte es zwischen 1960 und 2019 keine Erwärmung gegeben.
Dies entspricht einer jährlichen Wachstumsratenreduktion von 0,3 Prozent.
Obwohl Klimawandel nur einen begrenzten Anteil der jährlichen Wachstumsschwankungen ausmacht, ist sein kumulativer Einfluss erheblich.
Unter aktuellen Politiken steuert die Welt auf eine Erwärmung von etwa 2,8 Grad bis 2100 zu, selbst bei Einhaltung aller Pariser Abkommen-Zusagen noch auf 2,3 bis 2,5 Grad.
Die EU reagiert mit ehrgeizigen Zielen, wie dem 'Fit for 55'-Paket, das eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent bis 2030 vorsieht, mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050.
Diese Maßnahmen sollen nicht nur Emissionen reduzieren, sondern auch die Resilienz der europäischen Wirtschaft stärken.
EZB integriert Klimarisiken in Analyse
Die EZB hat sich im Rahmen ihrer geldpolitischen Strategieüberprüfung 2021 verpflichtet, die Auswirkungen des Klimawandels und der grünen Transformation vollständig zu berücksichtigen.
Dies umfasst die Integration in die Wirtschafts- und Transmissionsanalyse, Modellierung und Prognosen.
Extremwetterereignisse stören die Produktion, beeinflussen Energieangebot und -nachfrage, beschädigen Infrastruktur und reduzieren das Arbeitsangebot.
Langfristig können sie das Potenzialwachstum durch Landverlust, Tourismusverschiebungen und reduzierte Arbeitseffizienz mindern.
Unsicherheit durch häufigere Extremereignisse dämpft zudem Investitionen und Innovation.
Die primäre Aufgabe der Geldpolitik ist die Steuerung zyklischer Schocks, wobei die Persistenz eines Schocks entscheidend für eine geldpolitische Reaktion ist.
Studien zeigen heterogene Auswirkungen auf Sektoren und Länder: Pharma leidet unter extremer Hitze, während Bergbau und Bauwesen anfällig für extreme Regenfälle sind.
Unternehmen im Euroraum tragen aufgrund geringer Versicherungsdeckung oft den Großteil der Kosten solcher Ereignisse selbst.
Inflation im Klimawandel: Eine komplexe Gleichung
Extremwetterereignisse erhöhen die Inflationsvolatilität, insbesondere bei Nahrungsmittelpreisen.
So führte die Hitzewelle im Sommer 2025 zu einem Anstieg der unverarbeiteten Nahrungsmittelpreise im Euroraum um 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte.
Zukünftige Temperaturanstiege könnten diesen Effekt noch verstärken, mit einem potenziellen Anstieg der Nahrungsmittelpreise um 1,8 Prozentpunkte nach einem extremen Sommer in den 2060er Jahren.
Dies ist besonders relevant, da die Nahrungsmittelinflation die Inflationswahrnehmung der Haushalte stark prägt.
Der Gesamteffekt auf die Headline-Inflation ist jedoch komplex, da negative Angebotsschocks in der Landwirtschaft durch klimawandelbedingte negative Nachfrageschocks in anderen Sektoren teilweise ausgeglichen werden könnten.
Die Herausforderung für die EZB liegt darin, diese komplexen und oft gegenläufigen Effekte präzise zu analysieren und in ihre geldpolitischen Entscheidungen einfließen zu lassen, um Preisstabilität in einem sich wandelnden Klima zu gewährleisten.