Cipollone (EZB): Zweiter Energieschock bedroht Eurozone-Stabilität
EZB-Direktor Piero Cipollone warnt vor einem zweiten großen Energieschock, ausgelöst durch den Krieg im Iran und die Schließung der Straße von Hormus. Dies bedroht die wirtschaftliche Stabilität der Eurozone und könnte die Inflation erneut anheizen.
Iran-Krieg und Hormus-Straße: Zweiter Schock
EZB-Direktor Piero Cipollone warnt vor einem zweiten großen Energieschock innerhalb von vier Jahren, ausgelöst durch den Krieg im Iran und die Schließung der Straße von Hormus.
Dies unterbricht den positiven Trend stabiler Preise und robusten Wachstums in der Eurozone der letzten zwei Jahre.
Die geopolitischen Spannungen haben ein Rekordniveau seit Einführung des Euro erreicht.
Der kurzfristige Effekt des Iran-Krieges auf die globale Ölversorgung ist mit geschätzten 12 Millionen Barrel pro Tag – etwa 11 Prozent der weltweiten Vorkriegsversorgung – größer als die drei vorherigen Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen.
Infolgedessen sind die Öl- und Gaspreise stark gestiegen.
Die jährliche Headline-Inflation im April erreichte 3,0 Prozent, angetrieben durch einen Anstieg der Energiepreise um 10,9 Prozent, während die Inflation ohne Energie auf 2,2 Prozent fiel.
Auch Lieferzeiten verlängern sich und Inputkosten steigen, wenn auch noch verhalten im Vergleich zu 2021/22.
Vertrauen sinkt, Kreditstandards straffen sich
Der Energieschock drückt auf die Realeinkommen und die Binnennachfrage, die zuletzt Motor der Eurozone-Wirtschaft war.
Umfragen zeigen einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsstimmung, insbesondere des Konsumentenvertrauens.
Dies wird den Konsum dämpfen und die Unternehmensinvestitionen belasten, da europäische Firmen im Gegensatz zu ihren US-Pendants Kapital- und F&E-Ausgaben nach einem Ölschock signifikant kürzen.
Zudem verschärft sich der Schock durch eine endogene Straffung der Finanzierungsbedingungen: Banken zeigen sich besorgt über die Risiken ihrer Kunden.
Die Kreditstandards für Unternehmenskredite haben sich im ersten Quartal bereits verschärft, weitere Straffungen werden erwartet.
Um diese Effekte zu bewerten, nutzt das Eurosystem ökonomische Szenarien, die als Benchmark für geldpolitische Entscheidungen dienen.
Nachhaltigkeit als Überlebensfrage
Die aktuelle Krise unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren – nicht nur wegen des Klimas, sondern auch aus Gründen der Energiesicherheit.
Kurzfristig sind geld- und fiskalpolitische Reaktionen mit unvermeidbaren Kompromissen verbunden, die sorgfältig kalibriert werden müssen.
Langfristig jedoch ist klar: Dekarbonisierung macht uns besser, nicht schlechter.