Vollbeschäftigung: BIS-Perspektive auf Inflationsdynamik und Arbeitsmarkt
Sarah Hunter von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) beleuchtet in ihrer Rede die sich wandelnde Definition von Vollbeschäftigung und deren komplexe Verbindung zur Inflation. Sie betont, dass traditionelle Modelle die aktuellen Arbeitsmarktdynamiken nur unzureichend erfassen.
Die elusive Vollbeschäftigung: Eine Neubewertung
Die traditionelle Definition von Vollbeschäftigung, oft gekoppelt an die NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment), steht vor neuen Herausforderungen.
Sarah Hunter argumentiert, dass strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt – von der Zunahme der Gig Economy bis hin zu demografischen Verschiebungen – die Messung und Interpretation erschweren.
'Die reine Arbeitslosenquote allein ist nicht mehr ausreichend, um den Grad der Auslastung des Arbeitsmarktes präzise abzubilden,' so Hunter.
Stattdessen müssten Faktoren wie Unterbeschäftigung, Erwerbsbeteiligungsquoten und die Qualität der Arbeitsplätze stärker berücksichtigt werden.
Dies hat direkte Auswirkungen auf die geldpolitische Steuerung, da eine Fehleinschätzung des Vollbeschäftigungsniveaus zu suboptimalen Inflationsreaktionen führen kann.
Die BIS-Expertin hob hervor, dass ein tieferes Verständnis dieser Dynamiken entscheidend ist, um die Inflationsentwicklung korrekt zu prognostizieren und angemessene geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen.
Die Rede unterstreicht die Notwendigkeit, über einfache Kennzahlen hinauszugehen und einen breiteren Satz von Indikatoren zu integrieren.
Historische Kurven, neue Realitäten
Historisch wurde die Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation oft durch die Phillips-Kurve beschrieben: sinkende Arbeitslosigkeit führte zu steigender Inflation.
Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich diese Korrelation abgeschwächt, was Ökonomen als 'Flattening' der Phillips-Kurve bezeichnen.
Hunter führte dies auf mehrere Faktoren zurück, darunter die Globalisierung der Lieferketten, die Schwächung der Gewerkschaften und die zunehmende Bedeutung von Inflationserwartungen.
Auch die Rolle von Technologie und Automatisierung verändert die Lohnfindungsprozesse.
Die Pandemie und die jüngsten Energiepreisschocks haben zudem gezeigt, wie externe Faktoren die Inflationsdynamik unabhängig von der Arbeitsmarktauslastung beeinflussen können.
Diese Entwicklungen erfordern eine Neubewertung der geldpolitischen Instrumente und Strategien, um sowohl Preisstabilität als auch nachhaltige Vollbeschäftigung zu fördern.
Alte Modelle, neue Realität
Die Rede von Sarah Hunter macht deutlich, dass Zentralbanken ihre analytischen Werkzeuge dringend anpassen müssen, um die Komplexität des modernen Arbeitsmarktes zu erfassen.
Ein Festhalten an überholten Konzepten birgt das Risiko, entweder zu restriktiv oder zu akkommodierend zu agieren, was jeweils negative Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft hätte.
Die Erkenntnisse der BIS-Expertin sind daher ein wichtiger Impuls für eine zeitgemäße geldpolitische Debatte, auch wenn konkrete Handlungsanweisungen noch ausstehen.