Bailey hinterfragt Zentralbank-Unabhängigkeit
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, reflektiert über die Unabhängigkeit von Zentralbanken (CBI) und deren unvollständiges Konzept. Er betont die Notwendigkeit, das Zusammenspiel von Geld- und Finanzstabilität neu zu denken.
Von Thornton zur formalen Unabhängigkeit
Die moderne Zentralbank-Unabhängigkeit (CBI) entstand aus der Hochinflationsära der 1970er Jahre, obwohl das Konzept eine längere Geschichte hat.
Bailey verweist auf Henry Thornton (1802), der die Unabhängigkeit der Bank of England von der Regierung betonte, basierend auf einer Übereinstimmung von Interessen und Anreizen.
John Locke (17. Jahrhundert) lieferte den Anker: die Stabilität des Geldwertes.
Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere nach den 1970ern, entwickelte sich CBI zu einem System formaler gesetzlicher Befugnisse.
Die Bank of England besitzt operationelle Unabhängigkeit, setzt aber weder das Ziel noch den Inflations-Target selbst fest.
De facto verfolgen moderne Zentralbanken jedoch zwei Ziele: Geld- und Finanzstabilität.
Geld- vs. Finanzstabilität: Ein ungleiches Paar
Die Delegation der Geldpolitik an eine unabhängige Zentralbank dient als Verpflichtungsinstrument, um Inflationserwartungen zu verankern und das Problem der Zeitinkonsistenz zu lösen.
Für Finanzstabilität ist das Argument prinzipiell ähnlich, doch die Delegation ist ein weniger robuster Vertrag.
Finanzstabilität ist schwieriger zu definieren und nicht in einem einzigen numerischen Ziel zu erfassen.
Sie wirkt dynamisch über viele Dimensionen und berührt direkt private Interessen.
Dies führt zu mehr Konfliktpotenzial zwischen öffentlichem und privatem Interesse, beispielsweise in der Debatte um Bankenkapital.
Die Literatur hat der CBI im Kontext der Finanzstabilität bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl hier die Konflikte am deutlichsten zutage treten.
Ein blinder Fleck im CBI-Konzept
Die mangelnde Beachtung der CBI im Bereich der Finanzstabilität ist ein signifikanter blinder Fleck.
Dies führt zu einer prozyklischen Priorisierung, bei der Finanzstabilität oft erst in Krisenzeiten in den Fokus rückt.
Die unterschiedliche Natur von Geld- und Finanzstabilität – letztere mit direkteren Verteilungs- und Politikinteraktionen – erfordert eine differenziertere Betrachtung der Unabhängigkeit.
Eine robuste CBI für Finanzstabilität ist daher unerlässlich, um langfristige Stabilität zu gewährleisten und kurzfristigen politischen oder privaten Interessen entgegenzuwirken.