Lagarde: KI und Fragmentierung erzeugen neue Unsicherheit
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Lagarde: KI und Fragmentierung erzeugen neue Unsicherheit

EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor einer neuen Ära der Unsicherheit, geprägt durch künstliche Intelligenz und geopolitische Fragmentierung. In ihrer Rede in Bologna betonte sie die Notwendigkeit internationaler Kooperation.

Von messbarem Risiko zu echter Unsicherheit

Lagarde eröffnete ihre Rede mit einem Rückblick auf die italienische Renaissance, wo das moderne Konzept des Risikos entstand – die Idee, dass eine undurchsichtige Zukunft durch Beobachtung und Vernunft fassbar gemacht werden kann.

Dieses Prinzip untermauerte die moderne Finanzwelt und die quantitativen Rahmenwerke der Zentralbanken.

Heute jedoch, so Lagarde, stoße dieser Ansatz an seine Grenzen.

"Wir verlassen eine Welt, in der Risiko gemessen und modelliert werden kann, und treten in eine von echter Unsicherheit ein," betonte sie.

Die zugrunde liegende Struktur selbst verschiebe sich, und die Schocks, denen wir begegnen, transformierten das System.

Als Beispiele nannte sie die Pandemie, die Russlands Invasion in der Ukraine und die Nutzung von Handelspolitik als Waffe.

Gleichzeitig treibe KI einen beispiellosen technologischen Wandel voran.

Diese beiden Kräfte – technologische Transformation und geopolitische Fragmentierung – zögen in entgegengesetzte Richtungen und erzeugten eine Bandbreite möglicher Ergebnisse, die seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt wurde.

KI und Fragmentierung: Ein gefährliches Zusammenspiel

Lagarde zog Parallelen zu den 1920er Jahren, als technologische Fortschritte mit einer Fragmentierung der internationalen Ordnung einhergingen.

Damals konnten sich Technologien noch weitgehend über nationale Infrastrukturen verbreiten.

Heute sei die Verknüpfung zwischen Technologie und globaler Integration jedoch weitaus enger.

KI sei einzigartig abhängig von physischem Handel und konzentrierten Lieferketten, etwa bei Chips.

Zudem benötige KI globale Märkte zur Amortisierung hoher Entwicklungskosten und vielfältige Daten für das Training von Modellen.

Eine Fragmentierung würde diese Grundlagen direkt angreifen und die Intelligenz der Technologie selbst beeinträchtigen.

Der Aufbau selbstversorgender Halbleiter-Lieferketten würde über 1 Billion US-Dollar kosten und die Preise um 35-65 Prozent erhöhen.

Kooperation als Überlebensstrategie

Die EZB-Präsidentin skizzierte einen dreistufigen Ansatz zur Bewältigung der Unsicherheit: Reform globaler Institutionen, tiefere Kooperation unter Verbündeten und eine Neuausrichtung auf strategische Autonomie.

Es sei ein Paradox, dass gerade jetzt, wo der potenzielle Gewinn aus Integration am größten ist, der Wille zur Zusammenarbeit am schwächsten sei.

Doch jede große Volkswirtschaft habe ein direktes Interesse daran, Fragmentierung einzudämmen, da die Alternative wirtschaftliche Selbstschädigung bedeute.