Lagarde: Zentralbank-Unabhängigkeit in Krisen bewahren
EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte die Notwendigkeit, die Unabhängigkeit von Zentralbanken in herausfordernden Zeiten zu wahren. Sie verwies auf historische Lektionen und aktuelle Belastungen, die diese Autonomie auf die Probe stellen.
Von Napoleon zur 'Großen Inflation'
Napoleon Bonapartes Worte von 1806, dass eine Bank 'genug, aber nicht zu viel' in den Händen der Regierung sein sollte, spiegeln die anhaltende Spannung wider: Zentralbanken müssen dem Staat nahe, aber unabhängig genug sein, um Druck zu widerstehen.
Die 1970er Jahre mit ihrer 'großen Inflation' zeigten, dass Länder mit weniger unabhängigen Zentralbanken höhere und hartnäckigere Inflationsraten erlebten.
Dies führte dazu, dass bis zur Jahrtausendwende über vier von fünf Zentralbanken operativ unabhängig wurden, was global zu historisch niedriger Inflation beitrug.
Doch dieser Erfolg trug eine Ambivalenz in sich: Rechtliche Unabhängigkeit ('de jure') musste durch tatsächliche Unabhängigkeit ('de facto') ergänzt werden.
In einem günstigen globalen Umfeld war dieser Unterschied weniger relevant, doch heute verschieben sich diese Bedingungen.
Die Glaubwürdigkeit, die durch Handlungen erworben wird, wird entscheidend, besonders wenn geldpolitische Entscheidungen politisch heikel und wirtschaftlich kostspielig sind.
Die Frage ist nun, wie Unabhängigkeit geschützt werden kann, wenn sie auf die Probe gestellt wird.
Die EZB im Stresstest
Die EZB musste ihre Glaubwürdigkeit in der Praxis aufbauen.
Dies zeigte sich in der anfänglichen Wachsamkeit gegen Inflation und später in der Staatsschuldenkrise, wo unkonventionelle Instrumente zur Wahrung der geldpolitischen Transmission eingesetzt wurden.
Diese Maßnahmen, gerichtlich bestätigt, stärkten die Fähigkeit der EZB, ihr Mandat anzupassen.
Im Jahr 2022, angesichts beispielloser Inflation, straffte der EZB-Rat die Politik mit hoher Geschwindigkeit.
Die Inflationserwartungen blieben verankert, was die aufgebaute Glaubwürdigkeit bestätigte.
Die Krisen verliehen der EZB die nötige Autorität, ihre Unabhängigkeit effektiv auszuüben.
Glaubwürdigkeit als Währung
Die Unabhängigkeit einer Zentralbank hängt von einem klaren Mandat, direkter Kommunikation mit den Bürgern und ausreichendem Handlungsspielraum ab.
Letzterer erfordert fiskalische Verantwortung und ein widerstandsfähiges Finanzsystem, um Preisstabilität nicht zu gefährden.
Vertrauen aufzubauen dauert lange, es zu verlieren nur einen Augenblick – eine entscheidende Lektion in einem anspruchsvollen Umfeld.