Lagarde: Frauen in Führungspositionen – die Pipeline erweitern
EZB-Präsidentin Christine Lagarde fordert mehr Frauen in Führungspositionen. Sie beleuchtet die Barrieren, die den Aufstieg von Frauen behindern, und schlägt Lösungsansätze für Organisationen vor.
Die unsichtbaren Hürden des Aufstiegs
Obwohl Frauen in Sektoren wie dem französischen Gesundheitswesen die überwältigende Mehrheit der Belegschaft stellen (fast 80 % in öffentlichen Krankenhäusern), besetzen sie nur etwa ein Viertel der Führungspositionen.
Lagarde betonte, dass dies ein breiteres Muster widerspiegelt: Frauen treten zahlreich in den Arbeitsmarkt ein, doch die Pipeline zu Führungspositionen verengt sich für sie stärker als für Männer.
Trotz rechtlicher Fortschritte, wie der französischen Reform von 2023, die den Frauenanteil bei Neueinstellungen in Führungspositionen des öffentlichen Dienstes auf 50 % erhöhte, bleibt die Kluft bestehen.
Das Problem beginnt oft schon bei der ersten Beförderung zur Führungskraft, wo für 100 beförderte Männer nur 93 Frauen aufsteigen.
Zwei Hauptbarrieren sind hierfür verantwortlich: die ständige Verfügbarkeit und die Förderbarkeit von Aufgaben.
Die Nobelpreisträgerin Claudia Goldin zeigt, dass die Einkommenspfade von Frauen und Männern nach der Geburt des ersten Kindes auseinanderdriften, da Frauen oft die flexiblere Rolle mit geringeren Aufstiegschancen übernehmen, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten.
Zudem werden Frauen häufiger für weniger sichtbare Aufgaben angefragt, die kaum zur Karriereförderung beitragen, und nehmen diese eher an.
Organisationen am Zug: Flexibilität und Chancen
Lagarde argumentiert, dass die alleinige Konzentration auf weibliche Vorbilder das Problem individualisiert, anstatt systemische Barrieren zu adressieren.
Organisationen spielen eine entscheidende Rolle bei der Überwindung dieser Hürden.
Zwei Hebel stehen ihnen zur Verfügung: die Art und Weise, wie sie Engagement messen, und wie sie Chancen verteilen.
Flexibilität sollte nicht als Gegenteil von Engagement betrachtet werden; stattdessen sollten die Kosten der Abwesenheit gesenkt werden, beispielsweise durch teamorientierte Arbeitsweisen, bei denen Aufgaben sauber übergeben werden können.
Die EZB selbst hat hier Maßnahmen ergriffen, darunter Kernarbeitszeiten, flexible Homeoffice-Regelungen und die Entmutigung nicht-essentieller E-Mails außerhalb der Arbeitszeiten.
Der zweite Hebel betrifft die Verteilung von Karrieremöglichkeiten.
Manager sollten weniger sichtbare Aufgaben fairer rotieren, und diese Aufgaben sollten bei Beförderungen berücksichtigt werden.
Wo dies nicht ausreicht, können Organisationen Ziele für den Frauenanteil auf allen Hierarchieebenen festlegen, wie es die EZB getan hat.
Dort stieg der Frauenanteil in Führungspositionen seit 2019 um über acht Prozentpunkte auf fast 40 Prozent.
Mehr als Denkmäler: Echte Veränderung
Lagardes Rede ist ein wichtiger Appell an Unternehmen und Institutionen, ihre internen Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Sie zeigt auf, dass der Fokus auf individuelle „Role Models“ oft von den systemischen Barrieren ablenkt, die den Aufstieg von Frauen erschweren.
Echte Fortschritte erfordern daher nicht nur gesetzliche Vorgaben, sondern eine grundlegende Neugestaltung von Arbeitskultur und Karrierewegen.