Schnabel: Europa stark, Binnenmarkt entscheidend für globale Skalierung
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel widerspricht der These vom europäischen Niedergang. Sie betont, dass Europa auf seinen Stärken aufbauen und durch einen vertieften Binnenmarkt globale Skalierung erreichen kann.
Europas Stärken jenseits des BIP
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel widerlegt die These vom europäischen Niedergang.
Sie betont Europas globale Führungsposition in Lebensqualität, sozialer Absicherung und institutioneller Stärke.
Ein Kind in Spanien oder Italien lebt durchschnittlich fünf Jahre länger als in den USA, trotz deren höherer Gesundheitsausgaben.
Das geringere BIP pro Kopf in Europa erklärt sich oft durch weniger Arbeitsstunden und inklusivere Einkommensverteilung, nicht durch geringere Produktivität.
Würden Europäer so viele Stunden arbeiten wie Amerikaner, läge das reale BIP pro Kopf im Euroraum 21 Prozent höher.
Der Schlüssel zur Stärkung Europas liegt laut Schnabel in der Entfaltung des vollen Potenzials des Binnenmarktes.
Ein "28. Regime" würde Unternehmen nahtlosen Zugang zum gesamten europäischen Markt ermöglichen und die notwendige Skalierung für Innovation und Wirtschaftswachstum schaffen, um eine echte "Made in Europe"-Marke zu etablieren.
Produktivität als Achillesferse
Trotz Europas Stärken bedroht anhaltend schwaches Produktivitätswachstum im Euroraum die zukünftige Prosperität.
Über die letzten drei Jahrzehnte stieg die Stundenleistung langsamer als in Vergleichsökonomien.
Die Vorteile struktureller Reformen zeigen sich jedoch im Süden des Euroraums: Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland, einst Krisenregionen, zählen heute zu den wachstumsstärksten Ökonomien Europas.
Sie ziehen Rekordinvestitionen an und senken die Arbeitslosigkeit.
Im Gegensatz dazu kämpft Deutschland mit gedämpftem Wachstum; das reale BIP pro Kopf sank von 2019 bis 2024 um 1,5 Prozent.
Demografischer Wandel, hohe Energiekosten und globaler Wettbewerb belasten.
Schnabel kritisiert Deutschlands exportgetriebenes Geschäftsmodell als nicht mehr zukunftsfähig in einer fragmentierten Welt, da die Binnennachfrage schwach bleibt.
Weckruf für Berlin
Schnabels Rede ist ein deutlicher Weckruf für Europa, insbesondere für Deutschland.
Sie zeigt auf, dass die vermeintlichen Schwächen Europas oft auf bewussten gesellschaftlichen Entscheidungen beruhen, doch die Produktivitätslücke eine reale Bedrohung darstellt.
Die Forderung nach einem vertieften Binnenmarkt und einer Neuausrichtung des deutschen Wirtschaftsmodells ist entscheidend, um Europas Wettbewerbsfähigkeit in einer fragmentierten Welt zu sichern.
Quelle: Isabel Schnabel: Made in Europe
IN: