Prognosefehler als Diagnoseinstrument: Was sie über Wirtschaftsschocks verraten
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Prognosefehler als Diagnoseinstrument: Was sie über Wirtschaftsschocks verraten

Wirtschaftsprognosen liegen selten punktgenau richtig. Ein neuer EZB-Blogbeitrag zeigt, wie die Analyse von Prognosefehlern wertvolle Einblicke in die Art von Wirtschaftsschocks liefern kann und so die Vorhersagemethoden verbessert.

Nachfrage- und Angebots-Überraschungen entschlüsseln

Prognosefehler sind ein wertvolles Fenster zu den ökonomischen Kräften.

Wenn BIP- und Inflationsfehler sich gleichgerichtet entwickeln – also beide steigen oder fallen – deutet dies auf nachfragegetriebene Überraschungen hin, etwa durch unerwartete Ausgaben oder fiskalische Impulse.

Bewegen sie sich jedoch in entgegengesetzte Richtungen, sind angebotsseitige Schocks wie Energiepreisschwankungen oder Lieferkettenstörungen wahrscheinlicher.

Diese einfache Zuordnung hilft, Prognosefehler ohne komplexe Modellierung zu interpretieren.

Die letzten Jahre illustrieren dies: Vor der Pandemie führte eine Unterschätzung des BIP nicht zu höherer Inflation, was auf starkes Potenzialwachstum oder eine schwache Phillips-Kurve hindeutete.

Seit 2023 kehrt sich das Muster um: Das BIP wird überschätzt, die Inflation ist niedriger als erwartet, was eine steilere Phillips-Kurve oder stärkere geldpolitische Disinflationseffekte suggeriert.

Diese Analyse liefert wertvolle Einblicke in strukturelle Schocks der Eurozone.

Dominanz der Angebotsschocks

Zwei Perspektiven analysieren das gemeinsame Verhalten von BIP- und Inflationsüberraschungen.

Eine visuelle Zuordnung von Prognosefehlern über ein und zwei Jahre zeigt, dass angebotsseitige Überraschungen den größten Anteil der Fehler ausmachten.

Über zwei Jahrzehnte (ohne den Pandemie-Schock von 2020) waren Angebotsschocks mit etwa 55 Episoden gegenüber 45 nachfragebedingten Schocks vorherrschend.

Ein Modell, das die Treiber der Fehler aufschlüsselt, bestätigt: Systematische Prognosefehler wurden hauptsächlich durch unterschätzte angebotsseitige Schocks verursacht, insbesondere in Phasen erhöhter Volatilität.

Energiebezogene Schocks, die stärker ausfielen als angenommen, waren ein dominanter Faktor.

Die Fehler haben sich zuletzt merklich verringert, was auf weniger extreme Schocks und verbesserte Prognosen hindeutet.

Fehler als Chance für die Politik

Die Fähigkeit, aus Prognosefehlern zu lernen, ist in einem Umfeld häufiger makroökonomischer Schocks unerlässlich.

Diese Methode schärft nicht nur die Narrative um die Basisprognosen, sondern ermöglicht auch die Gestaltung realistischerer Risikoszenarien und eine verbesserte Kommunikation über Unsicherheiten.

Für die Politik bedeutet dies ein besseres Verständnis der sich entwickelnden Wirtschaftsstruktur und eine präzisere Antizipation zukünftiger Risiken.