Arbeitsmarkt: Niedrige Arbeitslosigkeit, aber moderater Lohndruck
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Arbeitsmarkt: Niedrige Arbeitslosigkeit, aber moderater Lohndruck

Trotz rekordtiefer Arbeitslosigkeit im Euroraum wird ein moderater Lohnanstieg erwartet. Ein Blogbeitrag der EZB erklärt dieses scheinbare Paradox durch Faktoren wie Migration, Partizipation und Jobwechsel.

Neue Quellen für Arbeitskräfte dämpfen Lohndruck

Der Euroraum verzeichnete in den letzten drei Jahren sechs Millionen neue Arbeitsplätze, doch nur 500.000 davon wurden durch zuvor Arbeitslose besetzt.

Ein Großteil der Nachfrage wurde durch Zuwanderung gedeckt, die über drei Millionen zusätzliche Arbeitskräfte in den Markt brachte.

Weitere 2,5 Millionen Stellen wurden von zuvor inaktiven Inländern besetzt, wovon 60 Prozent Frauen waren.

Diese Beiträge zur Beschäftigungszunahme waren in den letzten Jahren deutlich stärker als üblich: Ausländische Arbeitskräfte trugen 53 Prozent bei (gegenüber 29 Prozent 2015-2019), und aktivierte Inländer 43 Prozent (gegenüber 9 Prozent).

Auch die Partizipation älterer Arbeitnehmer (55-74 Jahre) stieg seit dem dritten Quartal 2022 um fast 1,7 Prozentpunkte, was über 1,5 Millionen zusätzliche Arbeitskräften entspricht.

Diese vielfältigen Quellen der Arbeitskräfteversorgung haben maßgeblich dazu beigetragen, die Arbeitsmarktenge und den Lohndruck zu mildern, obwohl die Arbeitslosenquote niedrig blieb.

Versteckte Reserven und nachlassende Jobwechsel

Jenseits der offiziellen Arbeitslosenzahlen existieren im Euroraum erhebliche Arbeitskraftreserven.

Rund sieben Millionen Menschen sind zwar arbeitswillig, suchen aber nicht aktiv oder stehen nicht sofort zur Verfügung.

Weitere fünf Millionen sind unterbeschäftigt und möchten mehr arbeiten.

Diese Gruppen stellen ein erhebliches Potenzial für die Arbeitskräfteversorgung dar und tragen zur Dämpfung des Lohndrucks bei.

Zudem hat die Dynamik der Jobwechsel nachgelassen.

Weniger Arbeitnehmer wechseln den Job, was auf eine geringere Bereitschaft der Unternehmen hindeutet, bessere Angebote zu unterbreiten und somit einen weniger angespannten Arbeitsmarkt signalisiert.

Arbeitsmarkt: Mehr als nur die Quote

Die Analyse zeigt klar, dass die Arbeitslosenquote allein ein unzureichender Indikator für die tatsächliche Arbeitsmarktenge ist.

Faktoren wie Migration, Partizipation und die Anpassung der Arbeitsstunden spielen eine entscheidende Rolle für die effektive Arbeitskräfteversorgung.

Diese breitere Perspektive erklärt, warum der Lohndruck trotz niedriger Arbeitslosigkeit moderat bleiben kann und liefert wichtige Erkenntnisse für die Geldpolitik.