Finanzintegration stärkt Europas Wohlstand
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Finanzintegration stärkt Europas Wohlstand

EZB-Vizepräsident Luis de Guindos betont die strategische Notwendigkeit einer tieferen Finanzintegration für Europas wirtschaftliche Resilienz und zukünftiges Wachstum. Er fordert Reformen bei Marktintegration, Aufsicht und Regulierung.

Integration wächst, Lücken bleiben

Die Finanzintegration im Euroraum hat sich laut EZB-Indikatoren signifikant verbessert und liegt über dem Durchschnitt seit Gründung der Wirtschafts- und Währungsunion.

Dies spiegelt sich in einer geringeren Streuung der Vermögenspreise und Renditedifferenzen sowie einer stärkeren Kapitalallokation wider.

Trotz dieser Fortschritte bleibt das volle Potenzial ungenutzt: Die grenzüberschreitende Kreditvergabe an Unternehmen im Euroraum beträgt nur 14 Prozent der gesamten Unternehmenskredite, und die Integration der Aktienmärkte zeigt seit 2022 einen besorgniserregenden Rückgang.

Auch ausländische Direktinvestitionen innerhalb des Euroraums sind auf einem historischen Tiefstand.

Diese gegensätzlichen Trends unterstreichen die Notwendigkeit gezielter politischer Interventionen, um strukturelle Barrieren abzubauen und die Integration in unterdurchschnittlichen Bereichen zu fördern.

Insbesondere die Aktienmärkte erfordern sofortige Aufmerksamkeit, da sie eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Innovation und der Diversifizierung der Finanzierungsquellen spielen.

Einheitliche Regeln für Kapitalmärkte und Banken

De Guindos sieht eine Schlüsselchance zur Vertiefung der Integration im Marktintegrations- und Aufsichtspaket.

Dieses Paket soll institutionelle Grundlagen für einen integrierten Markt schaffen, der Investitionen im benötigten Umfang mobilisieren kann.

Er hebt drei Merkmale hervor: Erstens, ein echtes einheitliches Regelwerk für die Kapitalmärkte durch Harmonisierung und direkte Anwendbarkeit von Vorschriften.

Zweitens, die Unterstützung eines tokenisierten Finanzökosystems durch Anpassung des DLT-Pilotregimes, um Innovationen sicher zu skalieren.

Drittens, ein europäischerer Aufsichtsrahmen für mehr Konsistenz und Resilienz.

Auch der Bankensektor muss wettbewerbsfähiger und resilienter werden, was durch Vereinfachung, Integration und Skaleneffekte erreicht werden kann.

Die Vollendung einer echten Bankenunion mit einem vollständig entwickelten europäischen Einlagensicherungssystem (EDIS) und dem freien Fluss von Kapital und Liquidität innerhalb grenzüberschreitender Bankengruppen ist hierfür entscheidend.

Ein kohärenterer Regulierungsrahmen mit einfacheren, harmonisierten Regeln ist ebenfalls unerlässlich, um Ineffizienzen und Inkonsistenzen zu beseitigen.

Dies beinhaltet die Schließung der regulatorischen Lücke zwischen Banken und Nichtbanken sowie den Abbau nicht-aufsichtsrechtlicher Barrieren wie unterschiedliche Insolvenz- und Steuervorschriften.

Strategische Notwendigkeit, kein Luxus

Die Forderung nach tieferer Finanzintegration ist angesichts geopolitischer Fragmentierung und wirtschaftlicher Unsicherheit überfällig.

Obwohl Fortschritte erzielt wurden, bremsen strukturelle Barrieren und nationale Flickenteppiche das volle Potenzial aus.

Europas Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie hängen entscheidend von der zügigen Umsetzung der vorgeschlagenen Reformen ab.