De Guindos: Prudent in Zinspolitik, Europa muss unabhängiger werden
EZB-Vizepräsident Luis de Guindos zieht Bilanz seiner Amtszeit und mahnt zu geldpolitischer Prudenz. Er betont die Notwendigkeit europäischer Unabhängigkeit angesichts globaler Umbrüche und spricht über Bankenkonsolidierung sowie seine Zukunftspläne.
Von Falke zu Pragmatiker
"Ich war 2022 einer der Ersten, die für Zinserhöhungen plädierten," so de Guindos.
Er habe sich von einem "Falken" zu einem Verfechter der Prudenz entwickelt.
Die Inflation sei von 10 Prozent auf 2 Prozent gefallen, doch die aktuelle Lage unterscheide sich stark von 2021/22, als expansive Fiskal- und Geldpolitik herrschten.
Damals habe das Euro-Defizit 7 Prozent erreicht, die EZB 2 Billionen Euro in den Bankensektor injiziert und Anleihen im Wert von weiteren 2 Billionen Euro gekauft, bei negativen Zinsen.
Heute erfordere der geopolitische Konflikt einen kühlen Kopf.
Er stimme der jüngsten Entscheidung des EZB-Rates zu, mit einer Zinsanhebung abzuwarten, da es ein Fehler wäre, die damalige Situation auf die heutige zu übertragen.
Hohe Unsicherheit mache Konsensfindung essenziell.
Europa muss strategisch unabhängiger werden
Die Welt sei heute "sehr, sehr anders" als vor acht Jahren, so de Guindos.
Europa habe endlich verstanden, dass es unabhängiger werden müsse – beginnend bei der Verteidigung, aber auch in Technologie, Zahlungsmitteln und Künstlicher Intelligenz.
Die alten Regeln gälten nicht mehr, der multilaterale Ansatz sei geschwunden.
Dies sei ein "enorm wichtiger Weckruf" für Europa.
Ein Paradigmenwechsel in den USA betreffe nicht nur Zölle, sondern auch Bankenregulierung und Krypto-Assets.
De Guindos plädiert für eine "einheitliche Jurisdiktion" für europäische Banken, um grenzüberschreitende Konsolidierung zu fördern und befürwortet eine gemeinsame Finanzierung von Verteidigungsausgaben als "europäisches öffentliches Gut".
Abschied mit klaren Botschaften
De Guindos' Interview bietet eine ehrliche Bilanz seiner Amtszeit und unterstreicht die Notwendigkeit einer strategischen Neuausrichtung Europas.
Seine Mahnung zur geldpolitischen Prudenz und zum Ausbau der europäischen Souveränität ist ein wichtiges Vermächtnis.
Das Gespräch liefert wertvolle Einblicke in die Herausforderungen, denen sich die EZB und die EU in einer sich wandelnden Welt stellen müssen.
Quelle: Luis de Guindos: Interview with El País
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