Lane: Europas Wirtschaft sensitiv für globale Schocks
EZB-Direktor Philip R. Lane analysiert Europas Rolle in der Weltwirtschaft. Er betont die hohe Offenheit der Eurozone und ihre Sensitivität gegenüber globalen Schocks, insbesondere aus Asien.
Eurozone: Hochgradig offen, hochgradig sensitiv
Die Eurozone, gemessen an ihrem Handelsvolumen im Verhältnis zum BIP, ist eine hochgradig offene Volkswirtschaft.
Ihre Beteiligung an regionalen und globalen Wertschöpfungsketten hat sich in den letzten drei Jahrzehnten verdoppelt.
Dies macht die Eurozone anfällig für positive wie negative globale Schocks.
Asien spielt dabei eine zentrale Rolle: Schocks in der asiatischen Wirtschaft haben globale Auswirkungen, und die Übertragung globaler Schocks erfolgt oft über Asiens zentrale Stellung in den globalen Lieferketten.
Während die Kaufkraft Asiens bei der Gründung der Eurozone im Jahr 1999 der des Euroraums ähnelte, übertrifft China allein heute die Kaufkraft der Eurozone um das 1,8-fache.
Der Rest Asiens erreicht das 1,9-fache des Euroraum-BIPs (Kaufkraftparität).
Diese Entwicklung hat die globale Handelsdynamik grundlegend verändert und die Eurozone unter Druck gesetzt.
Asiens Aufstieg fordert Europas Exportmacht
Die traditionelle Rolle der Eurozone als Exportmacht gerät zunehmend unter Druck, da Schwellenländer, insbesondere in Asien, ihre industriellen Kapazitäten ausgebaut haben.
Asien, mit China im Zentrum, ist zur treibenden Kraft des globalen Handelswachstums aufgestiegen und konkurriert mit der Eurozone und den Vereinigten Staaten in Bezug auf Industrieproduktion und Handelsdynamik.
In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Gründung der Eurozone wuchsen ihre Exporte und Importe langsamer als der Welthandel.
In jüngerer Zeit hat sich diese Lücke zu einer klaren Entkopplung entwickelt, wobei die Exporte der Eurozone zurückgingen, während sich der Welthandel von der Pandemie erholte und wieder expandierte.
Die Widerstandsfähigkeit der Handelsbeziehungen mit Asien, die sich nach der Finanzkrise 2008 und während der Pandemie zeigte, kommt jedoch mit einem herausfordernden Gegenstück: der wachsenden Wettbewerbsfähigkeit asiatischer Volkswirtschaften.
Während die Exporte der Eurozone diversifiziert bleiben, haben sich die Importe stärker auf Asien als wettbewerbsfähigsten Lieferanten konzentriert.
Diese Konzentration erhöht die Anfälligkeit der Eurozone für Lieferunterbrechungen, geopolitische Spannungen und Preisschocks.
Wettbewerbsdruck in Kernindustrien
Die Eurozone verliert zunehmend Marktanteile in Branchen, in denen sie historisch stark war, was auf einen strukturellen Wandel hindeutet.
Chinas Exportkorb wird dem Europas immer ähnlicher, was den Wettbewerb in Drittmärkten, in China selbst und im europäischen Binnenmarkt verschärft.
Dieser Wettbewerbsdruck, verstärkt durch die gestiegenen Energiekosten nach der europäischen Gaskrise, beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien nachhaltig.
Ohne strategische Anpassungen droht eine weitere Erosion der industriellen Basis und eine erhöhte Abhängigkeit in Schlüsselbereichen.
Quelle: Philip R. Lane: Europe and the world economy
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