Klimarisiko: Fluten erhöhen Kreditausfälle dauerhaft
Eine neue EZB-Studie zeigt: Nach Überschwemmungen steigt die Kreditnachfrage kurzfristig, gefolgt von einem Rückgang. Die Ausfallraten bei Krediten erhöhen sich jedoch dauerhaft um etwa 0,7 Prozentpunkte.
Kurzfristiger Kreditboom, dauerhafte Ausfälle
Die Studie analysiert vier große europäische Überschwemmungen zwischen 2021 und 2024.
Unmittelbar nach den Flutereignissen steigt die Kreditvergabe an betroffene Unternehmen um 3,5 bis 5 Prozent.
Dieser Anstieg wird durch einen akuten Liquiditätsbedarf getrieben, da Unternehmen Kreditlinien in Anspruch nehmen und Betriebskapital zur Deckung unmittelbarer Störungen benötigen.
Im darauffolgenden Quartal kontrahiert die Kreditvergabe jedoch um ein ähnliches Ausmaß, da der akute Liquiditätsbedarf nachlässt und die sich verschlechternden Investitionsaussichten die Kreditnachfrage dämpfen.
Über einen Zweiquartalshorizont gleichen sich diese Effekte weitgehend aus, was keine nennenswerte Nettoveränderung des Kreditvolumens impliziert.
Die Zinsen folgen einem ähnlichen Muster.
Die Ausfallraten für bestehende Kredite an betroffene Unternehmen steigen jedoch dauerhaft um rund 0,7 Prozentpunkte.
Dies entspricht, auf Jahresbasis hochgerechnet, einer nahezu Verdopplung gegenüber einer durchschnittlichen jährlichen Basisausfallrate von etwa 1,4 Prozent.
Flutgrenzen als Laborexperiment
Die Forscher kombinierten hochauflösende Copernicus-Flutkarten mit den granular aufgeschlüsselten AnaCredit-Daten der EZB.
Ihre empirische Strategie nutzte ein räumliches Regressions-Diskontinuitäts-Design.
Dabei wurden Unternehmen verglichen, die sich knapp innerhalb der Flutgrenzen befanden, mit solchen, die knapp außerhalb lagen (innerhalb von 300–500 Metern).
Diese Unternehmen teilen typischerweise ähnliche lokale Wirtschaftsbedingungen und eine vergleichbare Exposition gegenüber Klimarisiken.
Innerhalb eines so engen Bereichs kann die Zuordnung zu überfluteten oder nicht überfluteten Gebieten als zufällig betrachtet werden.
Dies ermöglichte es, den kausalen Effekt der Flutexposition von anderen Faktoren zu isolieren.
Die Analyse von Mehrfachbankbeziehungen und unter Berücksichtigung von Firm-Time-Fixed-Effects zeigt, dass Nachfragefaktoren dominieren.
Banken mit größerer Exposition gegenüber betroffenen Unternehmen straffen die Kreditversorgung nicht systematisch.
Lokale Gefahr, keine Systemkrise
Die Studie liefert wichtige Evidenz zur lokalen Wirkung von Klimaschocks auf Kreditmärkte und deren Auswirkungen auf die Kreditqualität.
Ihre Schlussfolgerung, dass systemweite Risiken bei gut kapitalisierten und geografisch diversifizierten Banken unwahrscheinlich sind, ist jedoch kontextabhängig und könnte bei größeren, synchronen Schocks anders ausfallen.
Für Aufsichtsbehörden bleibt die Herausforderung, diese granular identifizierten Risiken in makroprudentielle Rahmen zu integrieren und dabei die Heterogenität der Auswirkungen zu berücksichtigen.