EZB-Studie: Nachfrage-Schocks dominieren Geschäftserwartungen
Nachfrage-Schocks prägen die Geschäftserwartungen im Euroraum stärker als Angebots-Schocks. Eine neue EZB-Studie zeigt, wie Finanzbedingungen und Produktnachfrage die Erwartungen von Unternehmen bei Aktivität und Preisen bestimmen.
Nachfrage-Schocks als Haupttreiber
Eine neue empirische Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) analysiert die Treiber von Geschäftserwartungen im Euroraum.
Die Ökonomen Niccolò Battistini und Pedro Neves entwickelten dafür neuartige, zusammengesetzte Indizes für Geschäftsaktivität und Preiserwartungen (BEI) in den Sektoren verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungen und Baugewerbe.
Diese Indizes zeigen eine starke Vorhersagekraft für das kurzfristige reale BIP-Wachstum und die BIP-Deflator-Inflation.
Mithilfe sektorspezifischer struktureller Bayesianischer Vektorautoregressionsmodelle (BVAR) identifizierten die Forscher sechs strukturelle Schocks.
Die Ergebnisse zeigen, dass Nachfrage-Schocks, insbesondere die Produktnachfrage und die Finanzierungsbedingungen, den Großteil der Schwankungen in den Geschäftserwartungen ausmachen.
Im Durchschnitt erklären diese Nachfragefaktoren über die Hälfte der Variationen bei den Aktivitäts- und Preiserwartungen.
Angebots-Schocks, wie Materialversorgung und Arbeitsmarktbedingungen, spielen eine signifikante Rolle bei der Gestaltung der Preiserwartungen, besonders in der post-pandemischen Inflationsphase.
Ihr Einfluss auf die Aktivität ist jedoch bescheidener.
Die Autoren betonen, dass ihre Arbeit ein "einfaches, aktualisierbares Instrumentarium für politische Entscheidungsträger" bietet, um Geschäftserwartungen in Echtzeit zu interpretieren.
Sektorale Unterschiede und historische Muster
Die Analyse offenbart wichtige sektorale Unterschiede.
Finanzierungsbedingungen sind für das kapitalintensive verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe relevanter, während Dienstleistungen stärker auf die Produktnachfrage reagieren.
Arbeitsbezogene Angebots-Schocks sind besonders im Dienstleistungssektor von Bedeutung, Materialengpässe im verarbeitenden Gewerbe und Baugewerbe.
Historisch betrachtet wurden fallende Erwartungen während der globalen Finanz- und Staatsschuldenkrisen hauptsächlich durch Nachfragefaktoren wie knappe Kreditbedingungen getrieben.
Während der COVID-19-Pandemie und der anschließenden Inflationsperiode spielten sowohl Nachfrage- als auch Angebots-Schocks kritische Rollen: Mobilitätseinschränkungen dämpften zunächst die Erwartungen, während Wiedereröffnungseffekte und Lieferengpässe später den Inflationsdruck anheizten.
Die Studie bietet ein Instrumentarium, um Geschäftserwartungen in Echtzeit zu interpretieren und zwischen Angebots- und Nachfragekräften zu unterscheiden.
Einblicke für die Geldpolitik
Diese Studie liefert der EZB ein wertvolles Tool, um die komplexen Treiber von Geschäftserwartungen besser zu verstehen und ihre Politik präziser auszurichten.
Die klare Unterscheidung zwischen Nachfrage- und Angebotsschocks ermöglicht eine differenziertere Diagnose der wirtschaftlichen Lage.
Dies ist entscheidend, um Inflationsentwicklungen frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.