Zentralbanker zieht Lehren aus fragmentiertem Jahrzehnt
François Villeroy de Galhau, scheidender Chef der Banque de France, reflektiert über ein turbulentes Jahrzehnt. Er identifiziert vier zentrale Lehren für Zentralbanken und Europa.
Geldpolitik: Erfolgreich, aber nicht perfekt
Die Geldpolitik hat in den letzten zehn Jahren, trotz unerwarteter Schocks wie der Covid-19-Deflationsgefahr und der Inflationswelle nach Russlands Invasion der Ukraine, ihre Wirksamkeit bewiesen.
Die Inflation konnte ohne die befürchtete Rezession gesenkt werden – eine sanfte Landung.
Villeroy de Galhau betont jedoch, dass nicht alle unkonventionellen Instrumente gleichermaßen überzeugten: Bilanzinstrumente wie Quantitative Easing waren effektiv, während langfristige Forward Guidance und Negativzinsen weniger überzeugend erscheinen.
Zentralbanken müssen demnach demütig und agil bleiben, datengetrieben entscheiden und sich auf ihr Kernmandat der Preisstabilität konzentrieren.
Dies schließt die Berücksichtigung von Klimarisiken nicht aus, da extreme Wetterereignisse zunehmend die Wirtschaft und Inflation beeinflussen.
Unabhängigkeit als Fundament, Koalitionen als Weg
Die Unabhängigkeit der Zentralbanken ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, der in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten ist.
Diese Glaubwürdigkeit ermöglichte die relativ schnelle Disinflation der frühen 2020er Jahre.
Villeroy de Galhau sieht das Zentralbank-Modell mit klarem Mandat, Autonomie bei den Mitteln und demokratischer Rechenschaftspflicht als Blaupause für andere Governance-Bereiche in Europa, etwa bei der Energiedekabonisierung oder Künstlichen Intelligenz.
Angesichts der Krise des Multilateralismus plädiert er zudem für einen „pragmatischen Plurilateralismus“.
Hierbei kooperieren ausgewählte Länder bei spezifischen Themen, wenn Interessen konvergieren.
Der Erfolg des Network for Greening the Financial System (NGFS) mit 152 Mitgliedern, das 2017 von der Banque de France initiiert wurde, dient als Beispiel für solche effektiven Koalitionen.
Auch gemeinsame Regeln für Banken (Basel III) und Nichtbanken sind im gemeinsamen Interesse.
Europa: Robust, aber zu langsam
Europa hat in den letzten zehn Jahren an Stärke gewonnen, doch seine Agilität bleibt eine Achillesferse.
Die Notwendigkeit, bürokratische Prozesse zu beschleunigen und eine 'Delors-ähnliche' Vision für 2029 zu entwickeln, ist unbestreitbar.
Ohne eine solche Beschleunigung droht der Kontinent, Chancen in einer fragmentierten Welt zu verpassen.