Trichet: Lehren aus der Finanzkrise und unkonventionelle Politik
Jean-Claude Trichet, ehemaliger EZB-Präsident, analysiert die Finanzkrise 2007-09 und die Rolle der Zentralbanken. Er beleuchtet die Ursachen der Systemfragilität und offene Fragen zur unkonventionellen Geldpolitik.
Das Kartenhaus der Finanzmärkte
Jean-Claude Trichet identifizierte fünf Hauptgründe für die extreme Fragilität des Finanzsystems der fortgeschrittenen Volkswirtschaften während der Krise ab 2007.
Erstens führte die extreme Komplexität von Finanzinstrumenten wie Verbriefungen und Derivaten sowie das rasche Wachstum des Schattenbankwesens zu einem undurchsichtigen Umfeld.
Zweitens verstärkte die zunehmende Vernetzung aller Finanz- und Nichtfinanzinstitutionen, Märkte und Volkswirtschaften die globale Schockübertragung.
Drittens wurde ein allgemeiner Überschuldungsgrad im privaten und öffentlichen Sektor aufgebaut, der lange vernachlässigt wurde.
Viertens trug ein Gefühl übermäßiger Ruhe und Zuversicht, genährt durch die "Große Moderation", zu einer dramatisch riskanten Risikomanagementkultur bei.
Fünftens scheiterten dominante Makromodelle an der Vorhersage der Krise und konnten die wirtschaftlichen Entwicklungen kaum erklären.
Die Krise begann im August 2007 mit Turbulenzen im Subprime-Markt und kulminierte im Bankrott von Lehman Brothers.
Vergessene Lehren und neue Instrumente
Die Zentralbanken sahen sich seit 2007 mit einer Abfolge beispielloser Schocks konfrontiert, die potenziell alarmierender waren als jene der Krise von 1929.
In der Anfangsphase mussten sie als Kreditgeber letzter Instanz agieren und unkonventionelle Maßnahmen ergreifen.
Nachdem der Leitzins die Nullgrenze erreicht hatte, waren die Notenbanken gezwungen, neue Instrumente zur Stimulierung der Nachfrage zu entwickeln, um der Rezession entgegenzuwirken.
Trichet kritisierte, dass die internationale Gemeinschaft über Jahre hinweg die Hypothesen von Hyman Minsky zur Finanzinstabilität und Irvin Fishers Schuldendeflationsanalyse vernachlässigt hatte, obwohl sich die Verschuldung global akkumulierte.
Eine zeitlose Mahnung
Trichets Analyse der Finanzkrise von 2013 bietet auch heute noch wichtige Lehren für die Geldpolitik und Finanzstabilität.
Seine Kritik an der übermäßigen Marktgläubigkeit und der Vernachlässigung von Risiken bleibt angesichts wiederkehrender Krisen hochaktuell.
Die Warnung vor "exzessiver Ruhe" ist eine zeitlose Mahnung für Aufsichtsbehörden und Politik, auch in Zeiten scheinbarer Stabilität wachsam zu bleiben.