Hyperinflation von 1920 prägt Österreichs Erwartungen
Die Hyperinflation in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg prägt noch heute die Inflationserwartungen. Eine neue Studie der BDF zeigt: Regionen mit höherer historischer Exposition haben ein Jahrhundert später höhere Erwartungen.
Die langen Schatten der Vergangenheit
Die Studie dokumentiert einen anhaltenden Zusammenhang zwischen historischer Inflationserfahrung und heutigen Inflationserwartungen in Österreich.
Individuen aus Regionen, die der Hyperinflation von 1921–22 stärker ausgesetzt waren, berichten ein Jahrhundert später höhere Inflationserwartungen (2020–2024).
Konkret ist eine um 1 Prozent höhere regionale kumulierte Inflation in den frühen 1920er Jahren mit einer um etwa 0,37 Prozent höheren erwarteten Inflation heute verbunden.
Dieser Effekt ist sowohl in Phasen niedriger (Mai 2020–April 2021) als auch hoher Inflation (Mai 2021–August 2024) positiv.
Praktisch bedeutet dies, dass der Wechsel von der am wenigsten zur am stärksten historisch exponierten Stadt mit etwa 9,5 Prozent höheren Inflationserwartungen einhergeht, was etwa einem Prozentpunkt der erwarteten jährlichen Inflation entspricht.
Die Forscher nutzten stadtweite Preisdaten von 1914–1922 für Österreichs zehn größte Städte, um einen lokalen Einzelhandelspreisindex (RPI) zu erstellen, sowie Mikrodaten aus der vierteljährlichen Konsumentenumfrage der Europäischen Kommission (2020–2024).
Ein möglicher Übertragungskanal über Generationen hinweg ist die lokale Medienlandschaft: Zeitungen in historisch hochinflationären Gebieten widmen der Inflation heute größere Aufmerksamkeit, was auf eine intergenerationelle Übertragung von Inflationshaltungen hindeutet.
Ein Jahrhundert zwischen zwei Inflationsschüben
Die Studie nutzt die zeitliche Lücke von einem Jahrhundert zwischen zwei Hochinflationsphasen in Österreich.
Die erste war die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie, als die Regierungen der Ersten Republik stark auf inflationäre Finanzierung setzten, um Haushaltsdefizite von über 50 Prozent der Ausgaben zu decken.
Eine Wende brachte 1922 ein Wiederaufbauplan des Völkerbundes, der die Währung stabilisierte.
Hundert Jahre später erlebte Österreich Anfang der 2020er Jahre einen starken Inflationsanstieg, getrieben durch COVID-19-bedingte Lieferkettenstörungen, Nachfragestau und steigende Energiekosten nach dem Ukraine-Krieg.
Die Inflation erreichte im Januar 2023 einen Höchststand von 11,6 Prozent.
Diese beiden Krisen bieten eine einzigartige Perspektive, um zu untersuchen, ob große nominale Schocks eine dauerhafte „Inflationserinnerung“ hinterlassen.
Erbe der Vergangenheit, Herausforderung für heute
Diese Forschung beleuchtet einen oft unterschätzten, tiefgreifenden Einfluss historischer Ereignisse auf heutige ökonomische Wahrnehmungen.
Für Zentralbanken bedeutet dies, dass die Wirksamkeit geldpolitischer Kommunikation regional stark variieren kann und eine differenzierte Ansprache erfordert.
Die Herausforderung bleibt, diese kollektive Erinnerung in konkrete, präventive Politikmaßnahmen zu übersetzen, um zukünftige Inflationsschocks abzufedern.