Italien: Hochgeschwindigkeitszüge verstärken Brain Drain im Süden
Eine Studie der Banca d'Italia zeigt: Hochgeschwindigkeitszüge (HST) fördern die Abwanderung von Studierenden aus den neu angebundenen Regionen Italiens. Besonders betroffen sind südliche Provinzen, was regionale Ungleichheiten verstärkt.
Abwanderung statt Attraktion
Die Einführung einer HST-Haltestelle führt zu einem signifikanten und wachsenden Abfluss von Studierenden aus den angebundenen Provinzen, ohne einen entsprechenden Anstieg der Zuflüsse.
Dies ist ein zentrales Ergebnis der Banca d'Italia-Studie, die die Expansion des italienischen Hochgeschwindigkeitsnetzes zwischen 2010 und 2019 untersucht.
Die betroffenen Provinzen verzeichnen durchschnittlich einen Anstieg von 8 Prozent bei der Zahl der Studierenden, die für ihr Studium abwandern.
Dieser Effekt ist einseitig und stellt die Annahme in Frage, dass verbesserte Konnektivität für neu erschlossene Gebiete immer vorteilhaft ist.
Stattdessen kann sie primär die Abwanderung von Humankapital erleichtern, anstatt es anzuziehen.
Die Zunahme der Abwanderung wird zudem durch Langstreckenumzüge getrieben, wobei der Effekt mit der Distanz monoton zunimmt.
Zeitersparnis ist auf längeren Routen am ausgeprägtesten, was die psychologische Barriere des Wegzugs überwindet.
Regionale Ungleichgewichte verschärft
Die Auswirkungen sind geografisch konzentriert und treten ausschließlich in südlichen Provinzen auf.
Dort erleichtert die verbesserte Anbindung die Abwanderung von Studierenden, hauptsächlich in Richtung der größten regionalen Zentren wie Neapel und in den Norden, insbesondere nach Rom.
Neue HST-Dienste im Zentrum oder Norden des Landes zeigen hingegen keinen solchen Effekt.
Die Autoren warnen, dass große Infrastrukturprojekte in weniger entwickelten Regionen, ohne parallele Investitionen in lokale Universitäten und Arbeitsmärkte, bestehende Ungleichgewichte in der Bildungsmigration verschärfen und den Verlust von Humankapital beschleunigen könnten.
Die Studie identifiziert den durchschnittlichen Behandlungseffekt auf die Behandelten (ATT) für später adaptierende und relativ periphere Provinzen, die zwischen 2010 und 2019 eine HST-Haltestelle erhielten.
Infrastruktur-Paradox im Süden
Diese Studie liefert eine kritische Perspektive auf die oft unhinterfragten Vorteile von Infrastrukturprojekten in strukturschwachen Regionen.
Sie zeigt, dass Konnektivität allein nicht ausreicht, um regionale Ungleichheiten zu korrigieren, sondern diese sogar verstärken kann.
Für die Regionalpolitik bedeutet dies, dass Infrastrukturinvestitionen stets mit Maßnahmen zur Stärkung lokaler Bildungs- und Arbeitsmärkte einhergehen müssen, um den Brain Drain zu verhindern.