Immaterielle Investitionen schwächen Wirkung von Leitzinsen
Immaterielle Investitionen wie Patente und Software haben mit 12,8 Prozent am BIP physische Anlagen überholt. Bundesbank-Vorstandsmitglied Fritzi Köhler-Geib betonte in Genf, dass diese Entwicklung die Übertragung der Geldpolitik schwächt und Finanzstabilitätsrisiken erhöht.
Wenn Zinsanhebungen ins Leere laufen
Nach einer Zinsanhebung um 25 Basispunkte sinken die physischen Investitionen von Unternehmen nach drei Jahren um 5 bis 6 Prozent.
Die immateriellen Investitionen wie Software, Marken und Patente gehen dagegen um weniger als 1 Prozent zurück.
Fritzi Köhler-Geib verwies auf Forschungsergebnisse von Döttling und Ratnovski (2023), die diesen Effekt auf fehlende Sicherheiten zurückführen.
Immaterielle Vermögenswerte lassen sich schwer bewerten und bei einem Zahlungsausfall kaum verwerten.
Dadurch schwächt sich der Kreditkanal ab, über den geldpolitische Impulse die Wirtschaft erreichen.
Der Effekt trifft jüngere und kleinere Firmen besonders stark.
Um die gewünschte Wirkung auf die Preise zu erzielen, könnten künftig größere Zinsschritte erforderlich sein.
Risikoverlagerung in den Immobilienmarkt
Die veränderte Bilanzstruktur der Unternehmen beeinflusst auch die Stabilität des Finanzsystems.
Eine Studie von Dell'Ariccia zeigt, dass der Anteil von Unternehmenskrediten in den Bilanzen US-amerikanischer Banken über drei Jahrzehnte um ein Drittel sank, während sich Immobilienkredite mehr als verdoppelten.
Da Firmen mit vielen immateriellen Gütern mehr Eigenkapital halten und weniger Bankkredite nachfragen, weichen Banken auf risikoreichere Assetklassen aus.
Zudem werden laut dem Bericht 62 Prozent der immateriellen Investitionen in offiziellen Statistiken gar nicht erfasst.
Ein blinder Fleck für die Geldpolitik
Die Rede legt einen wunden Punkt der Notenbanken offen, deren Instrumente für eine reine Industrieökonomie geschaffen wurden.
Wer immaterielle Werte nicht präzise misst, steuert die Zinsen im Blindflug.
Die geforderte Datenoffensive ist deshalb kein Detailthema, sondern eine Überlebensfrage für die Geldpolitik.