Vujčić fordert Fokus auf Erwartungen privater Haushalte
EZB-Vizepräsident Boris Vujčić hat in Berlin die wachsende Bedeutung von Haushaltserwartungen für die Geldpolitik hervorgehoben. Reine Makrodaten reichten nicht aus, um das tatsächliche Verhalten von Verbrauchern bei Konsum und Lohnforderungen abzubilden.
Der Blick in die Köpfe der Verbraucher
Monetäre Entscheidungen basieren traditionell auf Aggregatdaten wie Inflation, Löhnen und Kreditvolumen.
Doch diese Größen spiegeln nicht wider, welche Annahmen Bürger über ihre finanzielle Zukunft treffen, betonte EZB-Vizepräsident Boris Vujčić an der ESMT Berlin.
Direkte Umfragen zu Erwartungen bei Zinsen, Immobilienpreisen und Einkommen seien für die Notenbank unverzichtbar.
„Erwartungen über die Zukunft prägen Entscheidungen und Verhalten heute“, so Vujčić.
Die lange vorherrschende Modellannahme vollkommen rationaler Erwartungen greife bei vielen geldpolitischen Fragen zu kurz.
Erst direkte Erhebungen machten sichtbar, warum Haushalte unterschiedlich auf identische ökonomische Schocks reagieren.
Mikrodaten statt Lehrbuchannahmen
Die Übertragung monetärer Impulse hängt maßgeblich davon ab, wie Verbraucher Zinssignale interpretieren und ihre Spar- sowie Kreditentscheidungen anpassen.
Vujčić würdigte die Forschungsarbeit von Professor Michael Weber, dessen empirische Studien gezeigt haben, dass Inflationserwartungen stark zwischen Bevölkerungsgruppen variieren.
Anstatt Erwartungen nur aus makroökonomischen Ergebnissen abzuleiten, setzt die Geldpolitik zunehmend auf verhaltensökonomische Erhebungen, um Transmissionskanäle präziser zu steuern.
Späte Einsicht in die Realität
Der Abschied von der Fiktion des rein rationalen Konsumenten ist für die Notenbanken längst überfällig.
Umfragedaten allein heilen jedoch nicht das Problem, dass subjektive Erwartungen volatil bleiben.
Für die Zinspolitik bietet der verhaltensökonomische Blick nützliche Nuancen, aber keine Steuerungsgarantie.