Bankenaufsicht verschlankt Prozesse und erhöht Risikotoleranz
Die europäische Bankenaufsicht richtet ihre Kontrollen neu aus: Durch ein Risikotoleranz-Framework werden unwesentliche Prüfungen reduziert, während Genehmigungsfristen für Verbriefungen von drei Monaten auf sieben Tage und Kapitalentscheidungen auf unter sechs Tage sinken.
Mehr Risikotoleranz, weniger Datenpunkte
Die europäische Bankenaufsicht verabschiedet sich von einer Null-Risiko-Toleranz und reformiert ihre Prüfprozesse grundlegend.
Im Rahmen des Programms „Next Level Supervision“ wurden über 100 aufsichtliche Leitfäden überprüft und rund 40 davon eingestellt.
Die Datenanforderungen bei Stresstests sanken um 55 Prozent.
Zugleich verkürzten sich die Bearbeitungszeiten drastisch: Genehmigungen für standardisierte Verbriefungen dauern statt drei Monaten nur noch rund sieben Tage, kapitalbezogene Beschlüsse werden in unter sechs Tagen statt mehreren Monaten abgewickelt.
Das neue Risikotoleranz-Framework (RTF) legt fest, welche Restrisiken akzeptiert werden, um Kapazitäten auf wesentliche Risiken zu bündeln.
Schattenbanken und Cyberrisiken im Fokus
Hintergrund der Reform sind die Lehren aus den Turbulenzen von 2023: Formale Kennzahlen garantierten keine Stabilität, wenn Governance-Schwächen ignoriert wurden.
Die Aufsicht pocht daher auf zeitnahe Mängelbeseitigung und nutzt Zwangsgelder sowie Geschäftsbeschränkungen.
Zusätzliche Dringlichkeit entsteht durch externe Gefahren.
Der Schattenbankensektor hat sich seit 2008 verdoppelt und umfasst über die Hälfte der Finanzaktiva im Euroraum.
Zudem erhöhen KI-gestützte Cyberangriffe und Quantenrisiken bis 2030 den Koordinationsbedarf.
Pragmatismus mit Ermessensrisiko
Der Abschied vom Kontrollwahn entlastet die Institute spürbar.
Gleichzeitig verlagert das Rahmenwerk enorme Verantwortung auf das Ermessen einzelner Aufseher.
Ob dieser Balanceakt aus Pragmatismus und Härte in der nächsten Krise trägt, bleibt die offene Frage.