Lagarde sieht Europas Wachstumsmodell am Ende
ECB Speech

Lagarde sieht Europas Wachstumsmodell am Ende

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Genf hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine tiefgreifende Erneuerung des europäischen Binnenmarkts gefordert. Die bisherigen Säulen des Wachstums erodieren durch Handelsbarrieren, hohe Energiepreise und geopolitische Spannungen.

Drei Säulen in Schieflage

Europas Nachkriegswachstum stützte sich auf weltweiten Handel, günstige Energie und Stabilität.

Alle drei Pfeiler bröckeln: Allein im vergangenen Jahr wurden global über 2.500 Handelsbeschränkungen erlassen.

China konkurriert inzwischen in nahezu 40 Prozent der europäischen Kernbranchen, verglichen mit etwa 25 Prozent Anfang der 2000er Jahre.

Zudem lagen die Strompreise für die energieintensive Industrie in der EU zuletzt mehr als doppelt so hoch wie in den USA.

Dennoch wuchs die Wirtschaft im Euroraum 2025 um 1,5 Prozent und im zweiten Quartal 2026 um 0,4 Prozent.

Treiber bleibt die Binnennachfrage im Markt mit 450 Millionen Verbrauchern.

Geldlücke bremst Innovation

Bei neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz droht Europa den Anschluss zu verlieren.

Unternehmen planen dieses Jahr zwar rund 9 Prozent ihrer Investitionen für KI ein, doch Barrieren stoppen das Wachstum.

Nach zehn Jahren haben europäische Scale-ups etwa 50 Prozent weniger Kapital eingeworben als Rivalen aus den USA.

12 Prozent der EU-Scale-ups verlegen ihren Sitz ins Ausland.

Die EU will mit Initiativen wie einer einheitlichen Rechtsform namens "EU Inc." und einer integrierten Kapitalmarktunion bis Ende 2026 Gegensteuer geben.

Diagnose richtig, Therapie verschleppt

Lagardes Analyse benennt die strukturellen Schwächen der EU ohne Beschönigung.

Doch die geforderten Rezepte wie die Kapitalmarktunion liegen seit Jahren auf den Tischen der Politik.

Solange nationale Eigeninteressen die Binnenmarktintegration blockieren, bleibt das Erneuerungsversprechen ein Papiertiger.