Reden zwischen Ratssitzungen bewegen Märkte wie Zinsbeschlüsse
Reden und Interviews von Notenbankern zwischen den EZB-Ratssitzungen bewegen Finanzmärkte oft ebenso stark wie formelle Zinsentscheide. Eine neue EZB-Datenbank von 1999 bis 2024 zeigt: Über 300 Zwischentermine verschoben den Euro Stoxx 50 kumuliert um 273 Prozentpunkte.
273 Prozentpunkte im Euro Stoxx 50
Für die neue EA-CED-Datenbank untersuchten Ökonomen 304 Ratsentscheide sowie rund 5.000 Zwischentermine von Januar 1999 bis Anfang 2024.
Während 45 Prozent der formellen Zinsentscheide signifikante Marktreaktionen auslösten, summiert sich der Effekt informeller Signale massiv: Über 300 Reden und Interviews bewegten den Euro Stoxx 50 kumuliert um 273 Prozentpunkte – formelle Beschlüsse brachten es auf lediglich 98 Prozentpunkte.
Beim zweijährigen OIS-Satz liegt die kumulierte Wirkung der Zwischenkommunikation mit 681 Basispunkten fast gleichauf mit den 718 Basispunkten regulärer Ratssitzungen.
Bei längeren Laufzeiten übertrifft die informelle Kommunikation die Wirkung formeller Beschlüsse sogar um das Doppelte.
Vorboten kommender Zinsentscheidungen
Reden vor Zinssitzungen nehmen geldpolitische Beschlüsse vorweg.
Trichets Warnung im November 2005 leitete die Zinswende ein, Draghis Rede in Sintra 2019 bereitete die Zinssenkung auf minus 0,50 Prozent vor.
Im Durchschnitt bewegt der EZB-Präsident den zweijährigen OIS-Satz bei Zwischenauftritten um 2,56 Basispunkte, dicht gefolgt von den Chefs der vier größten nationalen Zentralbanken aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien mit 2,42 Basispunkten.
Direktoriumsmitglieder erreichen im Schnitt 2,14 Basispunkte.
Feinsteuerung per Zwischenruf
Die Daten entlarven die vielen Zwischenrufe als kalkulierten Transmissionskanal der EZB.
Wer nur auf die Zinsentscheide blickt, verpasst die eigentliche Feinsteuerung der Märkte.
Die Reden der nationalen Notenbankgouverneure sind harte Steuerungsimpulse statt bloßer Folklore.