Reden werden kürzer, Inflation verdrängt Konjunkturthemen
1.063 deutschsprachige Reden von 1928 bis 2024 zeigen mehr Kürze und bessere Lesbarkeit. Severin Joho und Enzo Rossi dokumentieren dies im Forschungspapier 13/2026 der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und vergleichen Python mit ChatGPT.
Flexible Wechselkurse verändern die Kommunikation
Die Redetätigkeit nahm seit Mitte der 1950er-Jahre zu und beschleunigte sich nach dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen 1973.
Die Autoren verbinden dies mit dem Erklärungsbedarf einer eigenständigen Geldpolitik.
Höchststände von jeweils 27 Reden verzeichnet der Haupttext für 1987, 2007 und 2009; 2024 waren es zwölf.
Die durchschnittliche Länge sank von rund 3.500 Wörtern in frühen Jahrzehnten auf unter 2.000 seit Mitte der 1990er-Jahre.
Die Lesbarkeit verbesserte sich besonders in den 1980er-Jahren, bleibt aber anspruchsvoll.
Inflation verdrängte Konjunkturthemen und erreichte nach der Pandemie rund 80 Prozent der gefilterten Themennennungen.
Dabei lag die Inflationsspitze im August 2022 bei 3,5 Prozent, nach 11,9 Prozent im Dezember 1973 und 7,5 Prozent im September 1981.
Python zählt anders als ChatGPT
Auf derselben bereinigten Textbasis ermittelt Python durchschnittlich 2.681 Wörter, ChatGPT 2.342. Die Wortzahlen korrelieren mit 0,966. Beim Amstad-Index liegen die Mittelwerte mit 38,09 und 38,10 nahezu gleichauf.
Die Wiener Sachtextformeln weichen dagegen ab: Python liefert 11,54, ChatGPT 10,11; die Korrelation beträgt 0,728. Die Autoren empfehlen hybride Verfahren: reproduzierbare Berechnungen mit Python, Textbereinigung und semantische Einordnung mit Sprachmodellen.
Englische Lesbarkeitsformeln verzerren die Bewertung deutscher Texte.
Lesbarkeit ist noch kein Verständnis
Kürzere Sätze belegen noch kein besseres Verständnis beim Publikum.
Die Studie misst sprachliche Strukturen, nicht die Wirkung auf Haushalte oder Finanzmärkte.
Auch die Ursachen des langfristigen Wandels bleiben ohne kausale Tests offen.