Tuominen: Europas Banken widerstandsfähiger, doch geopolitische Risiken und Cyberangriffe bleiben Herausforderung
Anneli Tuominen, Mitglied des EZB-Aufsichtsrats, betont die gestärkte Widerstandsfähigkeit europäischer Banken. Gleichzeitig warnt sie vor makrofinanzieller Unsicherheit und Cyberrisiken als größte Schwachstellen.
Gestärkt durch Krisen, bedroht durch Unsicherheit
Europas Bankensektor hat seine Widerstandsfähigkeit seit der Gründung der europäischen Bankenaufsicht erheblich verbessert.
Die harte Kernkapitalquote (CET1) stieg von 12,7 Prozent auf 16,2 Prozent, während der Anteil notleidender Kredite von 7,5 Prozent auf 1,9 Prozent sank.
Auch die Kostenstrukturen haben sich trotz Pandemie, Bankenturbulenzen in den USA und der Schweiz sowie Russlands Invasion der Ukraine verbessert.
Zwar hat der Zinszyklus die Profitabilität mit einer Eigenkapitalrendite von 9,5 Prozent Ende letzten Jahres maßgeblich gestützt, doch die Stärke der Banken basiert auf soliderem Kapital und Liquidität.
Die größten Schwachstellen sind laut Tuominen die makrofinanzielle Unsicherheit durch geopolitische Spannungen, die Kredit-, Liquiditäts-, Markt- und operationelle Risiken gleichzeitig beeinflussen, sowie die operationelle Widerstandsfähigkeit angesichts zunehmender Cyberangriffe.
Stress-Tests und Immobilienmärkte im Fokus
Die Aufsicht bereitet sich mit negativen Szenarien und Reverse-Stresstests auf wirtschaftliche Abschwünge vor, wobei Banken Szenarien für einen Kapitalverlust von 300 Basispunkten identifizieren müssen.
Kreditvergabepraktiken werden thematisch überprüft, um robuste Standards zu sichern.
Im Bereich Gewerbeimmobilien (CRE) bestehen Verwundbarkeiten, verstärkt durch höhere Zinsen und veränderte Arbeitsgewohnheiten.
Vor-Ort-Inspektionen zeigten fehlerhafte Sicherheitenbewertungen und Bedenken bei endfälligen Darlehen.
Österreich zählt hier zu den stärker exponierten Ländern.
Die EZB-Stresstests sind ein wichtiges Instrument, dessen Szenarien plausibel sein müssen, um die Widerstandsfähigkeit der Banken zu bewerten.
Fragmentierung als Achillesferse
Europäische Banken sind aufgrund der Fragmentierung des Marktes – mit 27 Mitgliedstaaten, unterschiedlichen Insolvenz-, Aufsichts- und Steuerrahmen – weniger profitabel und global dominant als ihre US-Konkurrenten.
Eine vollständige Bankenunion, einschließlich eines europäischen Einlagensicherungssystems, ist entscheidend, um grenzüberschreitende Operationen zu erleichtern und Skaleneffekte zu erzielen.
Ohne diese Integration wird das volle Potenzial des europäischen Finanzsystems nicht ausgeschöpft, was Kapital- und Liquiditätsflüsse sowie die Gesamtwirtschaftseffizienz beeinträchtigt.