Buch: Banken resilient, aber geopolitische Risiken lauern
Die europäische Bankenaufsicht sieht den Sektor gut aufgestellt, doch geopolitische Risiken und die unvollständige Bankenunion bleiben Herausforderungen. Claudia Buch, Chefin des EZB-Bankenaufsichtsrats, mahnt zur Wachsamkeit.
Robuste Bilanzen, sinkende Problemkredite
Die Indikatoren für den europäischen Bankensektor sind positiv: Das Kapitalniveau ist seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise gestiegen und stabil.
Auch die Liquiditätsbedingungen sind gut, und die Profitabilität der Banken hat sich durch höhere Zinsen verbessert.
Der Anteil notleidender Kredite (NPLs) ist von durchschnittlich 7,5 Prozent im Jahr 2015 auf rund 2 Prozent gesunken.
Besonders erfreulich ist diese Entwicklung in Ländern wie Zypern, Griechenland oder Spanien, wo die NPLs ursprünglich überdurchschnittlich hoch waren.
In allen Ländern liegt der Anteil nun fest im einstelligen Bereich.
Eine leichte Zunahme gab es zuletzt in Ländern mit zuvor sehr niedrigen NPLs, darunter Deutschland und Österreich.
Insgesamt hat sich die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensektors jedoch deutlich verbessert, was auf bessere Regulierung, Aufsicht und Risikomanagement zurückzuführen ist.
Auch fiskalische Maßnahmen haben dazu beigetragen, dass Schocks wie die COVID-19-Pandemie und die Energiekrise die Bankbilanzen nicht belasteten.
Geopolitik, Cyber und die Kosten des Kapitals
Trotz der verbesserten Lage bestehen erhebliche Risiken, insbesondere geopolitischer Natur.
Die Auswirkungen von US-Zollerhöhungen und höheren Energiekosten wirken sich nur allmählich auf Unternehmen und Bankbilanzen aus.
Die Aufsicht konzentriert sich daher auf die Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber makroökonomischen und geopolitischen Risiken, einschließlich Klima- und Umweltrisiken, sowie auf die operationelle Resilienz, etwa gegen Cyberrisiken.
Buch widerspricht der Annahme, dass Bankenregulierung zu weit gegangen sei und Wachstum hemme.
Sie betont, dass gut kapitalisierte Banken effizienter, profitabler und wettbewerbsfähiger sind.
Die Basel-Standards gewährleisten internationale Mindeststandards, und die Kapitalanforderungen für europäische Banken sind mit denen anderer großer Jurisdiktionen vergleichbar.
Die Beschwerden über höhere Kapitalanforderungen rühren oft daher, dass Banken Eigenkapital im Vergleich zu Fremdkapital als teuer empfinden, was durch implizite Staatsgarantien und unterschiedliche steuerliche Behandlung verstärkt wird.
Aus gesellschaftlicher Sicht überwiegen jedoch die Vorteile einer adäquaten Kapitalisierung, da sie die Stabilität sichert und staatliche Interventionen vermeidet.
Baustellen der Bankenunion
Trotz Fortschritten bei der Bankenaufsicht und Abwicklungsmechanismen bleiben wesentliche Lücken in der europäischen Bankenunion.
Das Fehlen einer gemeinsamen Einlagensicherung und ungelöste Fragen zur Liquiditätsbereitstellung in der Abwicklung sind kritische Schwachstellen.
Diese unvollständige Marktintegration ist das eigentliche strukturelle Problem für die Wettbewerbsfähigkeit der Banken, weit mehr als die Regulierung selbst.
Eine europäische Einlagensicherung wäre entscheidend, um die Risikoverflechtung zwischen Banken und Staaten weiter zu entkoppeln und die Gleichbehandlung aller Einleger zu gewährleisten.