Trequattrini warnt vor technologischer Abhängigkeit Europas
Banca-d’Italia-Vizechef Gian Luca Trequattrini hat am 23. September 2026 in Mailand mehr Eigenständigkeit bei kritischen IT-Infrastrukturen und Bezahlsystemen gefordert. Er bezeichnete den digitalen Euro als unverzichtbares Instrument europäischer Souveränität.
Milliardenlücke bei Zukunftstechnologien
Europas Rückstand bei Schlüsseltechnologien ist laut Gian Luca Trequattrini messbar gewachsen.
Zwischen 2013 und 2023 flossen in Europa lediglich 20 Mrd. Dollar an privaten Investitionen in Künstliche Intelligenz, verglichen mit 330 Mrd. Dollar in den USA und 100 Mrd. Dollar in China.
Bei aktuellen Wachstumsraten wird die EU bis 2030 nur 12 Millionen IKT-Fachkräfte zählen, während die EU-Kommission 20 Millionen anpeilt.
Zudem kontrollieren drei US-Anbieter rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes.
Hinzu kommt ein strukturelles Defizit: Das Wagniskapitalvolumen im Euroraum erreicht nur ein Fünftel des US-Niveaus, wodurch europäische Spitzenforschung oft an der Kommerzialisierung scheitert.
Geopolitische Hebelwirkung und Zahlungsverkehr
Die Verwundbarkeit verdeutlichte der Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT-Netzwerk 2022.
Trequattrini betonte, dass der digitale Euro eine öffentliche, paneuropäische Infrastruktur schaffe, um die Abhängigkeit von internationalen Kartensystemen zu verringern.
Gleichzeitig reiche Regulierung allein nicht aus.
Die Initiative InvestAI soll zwar 200 Mrd. Euro mobilisieren, darunter 20 Mrd. Euro für KI-Gigafactories, deckt jedoch nur einen Bruchteil des von Mario Draghi bezifferten Jahresbedarfs von 800 Mrd. Euro ab.
Regeln ersetzen kein Kapital
Trequattrinis Diagnose trifft den wunden Punkt der europäischen Digitalpolitik.
Strenge Gesetze wie DORA oder der AI Act schaffen zwar Leitplanken, schließen aber ohne tiefe private Kapitalmärkte keine Technologielücke.
Der digitale Euro wird zum Testfall dafür, ob Europa strategische Autonomie tatsächlich durchsetzen kann.