Geopolitische Schocks treiben Inflation um 0,3 Prozentpunkte
Geopolitische Spannungen erhöhen die Teuerungsrisiken im Euroraum spürbar. Laut einer Analyse der niederländischen Zentralbank überwiegen angebotsseitige Verknappungen die dämpfenden Nachfrageeffekte und treiben die Inflation über 20 Monate um durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte.
Verknappung wiegt schwerer als Nachfragedämpfung
Geopolitische Konflikte wirken über zwei gegensätzliche Kanäle auf die Preise: Einerseits verknappen sie Rohstoffe, Energie sowie Vorprodukte und treiben damit die Teuerung.
Andererseits dämpfen Verunsicherung und Vertrauensverluste die Konsumlaune, Bankkredite und Investitionen, was preissenkend wirkt.
Eine Untersuchung historischer Schocks wie der Anschläge vom 11. September 2001 sowie der Kriege im Irak und in der Ukraine zeigt, dass der Angebotseffekt dominiert: Nach solchen Ereignissen stieg die Inflationsrate über einen Zeitraum von 20 Monaten um durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte, während die Industrieproduktion nach drei Monaten um 0,6 Prozentpunkte einbrach.
In Extremszenarien beschleunigt sich der Teuerungsanstieg nach zwölf Monaten sogar auf 0,6 Prozentpunkte.
Die Grenzen des Durchschauens
Zentralbanken reagieren auf angebotsseitige Preisschocks traditionell zurückhaltend, indem sie temporäre Effekte „durchschauen“.
Bei anhaltenden geopolitischen Konflikten birgt dieses Abwarten jedoch erhebliche Risiken: Steigende Inflationserwartungen können über höhere Lohnforderungen und anschließende Preisanpassungen der Unternehmen Zweitrundeneffekte auslösen.
Da die Dauer und Art von Krisen stark variieren, greifen Währungshüter wie die EZB zunehmend auf alternative Risikoszenarien zurück.
Abwarten ist keine Strategie mehr
Die Analyse entlarvt das Durchschauen von Angebotsschocks als gefährliches Relikt ruhigerer Zeiten.
Wenn geopolitische Konflikte zum Dauerzustand werden, drohen Zweitrundeneffekte die Preisstabilität dauerhaft zu beschädigen.
Notenbanken dürfen sich daher nicht mehr auf optimistische Basisszenarien verlassen.